Du sitzt da. Du hast Dir den Urlaub nach Google-Rezensionen zusammengegoogelt. Fünf Sterne, „traumhafter Ausblick“, „perfekter Sonnenuntergang“. Du reservierst, planst, schminkst Dir die Erholung ins Gesicht, damit die digitalen Beweise später das Glück bezeugen, das im Moment der Aufnahme gar nicht vorhanden war. Du hast den Platz in der Strandbar reserviert, weil man Dir gesagt hat, dort sei es am schönsten. Du hast Dir eine SCHÖNHEIT versprochen, die Du Dir leisten kannst, eine SCHÖNHEIT, die Du besitzen willst.
Aber Du sitzt dort und der Espresso ist lauwarm, der Fisch schmeckt nach Tiefkühltruhe und der Kellner hat keine Lust aufs Kokettieren. Er trägt einen Aperol nach dem anderen raus und seine schlechte Laune ist nur ein Spiegel Deiner eigenen. Denn Du merkst, wie Du Dich auch anstrengst: Die SCHÖNHEIT, die Du gebucht hast, will sich einfach nicht einstellen. Sie verweigert sich Dir. Du hast sie bezahlt, Du hast sie gesucht – aber sie bleibt ein Gespenst.
Doch dann, völlig ungeplant, geschieht der Fall in die Stille. Du flüchtest in die kühle Kathedrale, um der Hitze zu entkommen, und plötzlich wird der Raum weit. Du bist kein Tourist mehr. Du atmest auf. Hier drinnen klebt der Sauerstoff von Jahrhunderten an den Wänden, eine Patina aus Gebeten, die keine Rezension braucht. Irgendwo in der Höhe spielt ein Organist Duruflé. Er wiederholt einen einzigen Takt. Er übt. Er sucht. Er stolpert. Und genau darin liegt die SCHÖNHEIT, die Du in der Strandbar vergeblich gesucht hast.
Aber dieser SCHÖNHEIT bist Du herzlich egal, sie braucht Dich nicht. Sie ist einfach da, in ihrer unerbittlichen, stolpernden Echtheit.
Die Harfe unter der Treppe
In San Gimignano, der Stadt mit den vielen Türmen südlich von Florenz, haben wir das erlebt. Wenn abends die Gäste nach Hause gehen und die leeren Flaschen auf dem Tisch stehen fragt bei uns immer einer: „Wer räumt jetzt das San Gimignano ab?“
Unter einer alten Treppe am Marktplatz saß Andrea Piazza. Kein Scheinwerfer, kein Management, kein Filter. Ein Mann, seine Finger auf einer kleinen Harfe, ein verträumter Blick, der nicht auf Dich deutet. Er spielte nicht, um Dich zu beeindrucken. Er spielte, weil die Musik durch ihn floss. Das war SCHÖNHEIT, die nicht auf Deinen Applaus gewartet hat.
Genau wie Andreas Vollenweider. Er ist Schweizer, ein Harfenspieler, der so entwaffnend auftritt, dass Du ihn in keine Schublade bekommst. Seine Musik ist nicht greifbar, keine Melodie, die Du nachsingen könntest – es ist ein reiner Strom von Akkorden, der den Raum ordnet. Ich habe ihn fünfmal live erlebt, zweimal in Dogern, keine zwei Meter neben der Bühne. Da geschieht etwas mit der Luft. Die Welt wird durchsichtig.
Stell Dir vor, Du würdest Vollenweider in die UNO-Vollversammlung schicken. Einfach so, wie bei einer Vernissage, bevor die Sitzung beginnt. In den Wänden und den Vorhängen des Saals kleben die Lügen, die Intrigen, die zähen, klebrigen Rückstände unzähliger Resolutionsentwürfe – sie haften dort wie alter Kaugummi, den sie über Jahrzehnte festgetreten haben. Die Reinheit dieser Harfe würde den Saal so sehr schälen, dass die Diplomaten vor ihrer eigenen Leere stünden. Die Versammlung müsste vertagt werden, denn sie müssten schweigen. Ihr Tun wäre ein Verrat an der entwaffnenden SCHÖNHEIT der Klänge.
Die Wahrheit des Gesichts
Wir haben verlernt, was SCHÖNHEIT kostet. Wir halten sie für eine Ware, die man aus dem Tiegel kauft. Unsere Welt ist voll von „Mascara-SCHÖNHEIT“, von dem, was man mühsam auf die Oberfläche klebt, um die Spuren des Lebens zu tilgen.
Meine Frau hat in ihrem Leben noch nie einen Euro für Beauty-Produkte ausgegeben. Das Grau in ihren Haaren dominiert mittlerweile, jeder Tag hat seine Geschichte in ihr Gesicht gezeichnet. Aber sie ist SCHÖNER als je zuvor. Ihr Gesicht ist das, was ich vor 25 Jahren geheiratet habe – jugendlich, unverbraucht, nicht durch Jahrzehnte der Malträtierung mit Chemie zerstört. Diese SCHÖNHEIT kommt nicht aus dem Tiegel. Sie kommt aus der Wahrheit und Reinheit eines Lebens, das sich nicht hinter Schminke verstecken muss. Sie braucht daher auch kein Selfie, keine Dokumentation, sie ist einfach.
Die Fronleichnams-Prozession
Diese SCHÖNHEIT findest Du immer dort, wo sie als Dienst geschieht – nicht da wo Du sie bestellst, wo ein Preisschild draufsteht. Bei unseren Maiandachten, den Gottesdiensten und für die Außenwelt am sichtbarsten bei der Fronleichnamsprozession. Die Fahnen wehen im Wind vor dem satten Grün der frühsommerlichen Natur, das Rot und Weiß der Gewänder der Ministranten leuchtet in der Sonne, und die Himmelträger in ihren schwarzen Anzügen und weißen Baumwollhandschuhen gehen mit einer Gravität, die heute kaum noch jemand kennt. Die jungen Mädchen, die sich beim Tragen der Marienstatue abwechseln – das ist keine Inszenierung, das ist ein Dienst. Das ist SCHÖNHEIT in ihrer nackten Form, die man nicht kaufen kann, weil sie bereits Dir gehört. So wie jede SCHÖNHEIT sofort da ist, sobald Du aufhörst, sie für Dich zu beanspruchen.
Wenn ich eines Tages dement werden sollte – Gott bewahre –, dann spielt mir diese Musik. Spielt mir Vollenweider. Wenn alles andere wegfällt, bleibt das, was wirklich echt war: der Klang der Harfe, der Wind in den Fahnen und das Gesicht einer Frau, das die Zeit nicht zerstören konnte.
Text MB – Bild von Manolo Franco auf Pixabay

