Der 1. Juli 2026 ist vorbei. In den Bänken unserer Kapelle waren am Sonntag danach kleine Lücken zu erkennen. Ein relativ neu hinzugekommener junger Mann, der Philosophie studiert hatte, hat sich sogar telefonisch bei uns „abgemeldet“.
Er könne mit dem Begriff, dass es sich hier um einen Notstand handle, nicht umgehen. Nun gut, Reisende kann man nicht aufhalten. Ich habe lange überlegt, ob ich ihm eines meiner berüchtigten Pamphlete schicken soll. Ich werde es nicht tun. Zu Pius geht man hin, man wird nicht angelockt oder überredet. Das hatten wir ja neulich schon behandelt.
Ob seine Motivation seinerzeit zu uns zu kommen rein und echt war, ist eine Frage, die wir hier nicht behandeln wollen; ich habe aber mit Unterwanderung bereits meine Erfahrungen gemacht.
Gibt es denn einen Notstand? Das ist eher eine definitorische Frage.
Ich möchte einen kleinen gedanklichen Umweg gehen. Schaut euch die Pfingstler und andere charismatische Mega-Churches im Bible-Belt der USA an, oder im Kleinen die Calvary Chapel in Freiburg. Da passiert viel Gutes. Für jeden Einzelnen ist es da durchaus möglich, eine Gotteserfahrung zu machen. Definitiv. Allerdings wird auch immer eine Erfahrung im Geldbeutel fällig. Und das nur recht unfreiwillig. Es gehen keine fünf Minuten vorbei, dann wird auf der großen Leinwand eingeblendet, man möge doch bitte daran denken, seinen Zehnten abzugeben.
Seinerzeit war der Zehnte dazu da, dass die Klöster und kirchlichen Strukturen funktionierten und zum Beispiel die Armen (von denen es haufenweise gab) unterstützt werden konnten. Der Erste erbte den Hof, der Zweite ging zum Militär und der Rest landete in den Klöstern. Diese hatten natürlich auch eine Eigenwirtschaft zur Selbstversorgung und oft sogar darüber hinaus, aber ich denke, aus heutiger Sicht ist es recht und billig, einem solch gesellschaftstragenden System den Zehnt abzugeben. Heute gibt es kaum noch Klöster, diese Struktur ist komplett weg. Kein Notstand?
Wofür verlangen also die ganzen Evangelikalen den Zehnt? Unterhalten sie eine komplette Struktur, die Unwägbarkeiten der Gesellschaft mit abfedert? Sicher nicht. Macht denen das ein schlechtes Gewissen? Anscheinend nicht. Aber sie liefern sicher – das meine ich tatsächlich ernst – dem einen oder anderen, der auf dieser Saite anschwingbar ist, eine Gotteserfahrung.
Dann fängt man an, Predigten von Joyce Meyer zu hören. Und anderen. Manfred Lütz. Und irgendwie merkt der eine schneller, der andere braucht länger dafür, dass auch das alles hohl ist – keine Substanz hat. Denn es ist das immerwährende Kreisen um den Mittelpunkt, an den man sich nicht traut. Zu erkennen und zu benennen, dass es eine Hölle gibt, und diese, entgegen landläufiger Meinung progressiver Kreise, auch nicht leer ist.
Wenn es eine Hölle gibt, mit dem Widersacher im Zentrum, den wir jeden Tag mehrfach antreffen und seinen Lockungen auch jeden Tag mehrfach verfallen, kann die Rettung nur durch einen kommen, der stärker ist als er. Und dessen Rettung kann nicht dadurch geschehen, dass man in einem Betonbunker mit rosaroten Teppichen zusammen mit 4.000 anderen abwechselnd „Halleluja“ ruft.

Nein, der Mensch muss einsehen, dass ihm nur Christus selbst helfen kann – mit den Mitteln, die er selbst eingesetzt hat: den Sakramenten. Das ist doch keine Nebengeschichte des Evangeliums, dass er beim Abendmahl sagt: Tut dies zu meinem Gedächtnis.
Er berief Petrus als Anführer derer, die sein Evangelium auf Erden weitertragen und die Sakramente spenden. Daher legt die katholische Kirche größten Wert darauf, dass alle Kleriker in direkter Nachfolge dieses Petrus stehen. Ein heutiger Bischof hat seine Bischofsweihe Hand in Hand direkt von Petrus.
Dass dies für den Menschen heilsnotwendig ist, hat Christus selbst gesagt. Keiner kommt zum Vater, außer durch mich. Und eben Petrus als Verwalter. Christus sprach nie von einer Nebenlinie oder Neugründung in späteren Zeiten.
Dies alles markiert den Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche. Das ist kein Stolz, keine Überheblichkeit, sondern der schlichte, durch die Worte Jesu abgeleitete Auftrag – und im Grunde eine fast unverschämt kurze Herleitung, warum der Glaube vernünftig ist.
Und dann sagt Rom irgendwann, was wir die letzten 1.950 Jahre gemacht haben, ist falsch, lasst uns das alles mal auf ein neues Gleis stellen. Johannes XXIII. beruft daraufhin ein Konzil ein. Ein Konzil verwirft definitorisch Irrlehre und verkündet Lehre. Das ist der einzige Sinn eines Konzils.
Das Zweite Vatikanische Konzil sagt aber von sich selbst bei der Eröffnung, es werde nichts verurteilen und alles anhören. Es gibt kein einziges Dokument des Konzils, das dogmatischen Charakter hat. Nur eines hat man verurteilt und verworfen: die Tradition der vergangenen 1.950 Jahre. Kein Notstand?
Und dann gibt es einen (während des Konzils waren es sogar ein paar mehr, die dann aber wieder eingeknickt sind), der sofort gemerkt hat, dass da was ganz ordentlich in die falsche Richtung läuft. Er hat viele Dokumente des Konzils sogar mit unterschrieben, aber dann doch den Stecker gezogen: Erzbischof Marcel Lefebvre. Der Rest ist junge Zeitgeschichte, das haben wir zur Genüge durchgekaut.
Und nun, 38 Jahre nach den ersten Bischofsweihen 1988, die nichts anderes zum Ziel hatten, die Tradition, die Lehre dessen, was in der Kirche immer geglaubt wurde, auf schmalem Pfad in die Zukunft zu tragen, wurde es höchste Zeit, die Sukzession (wie man die direkte Nachfolge aller Bischöfe von Petrus ausgehend nennt) nicht abreißen zu lassen, sind doch die beiden verbliebenen Bischöfe von 1988 schon in vorgerücktem Alter. Kein Notstand?
Auf das sich mit allem, aber nicht dem Glauben und der Rettung der Seelen beschäftigende Rom zu warten, hat keinen Sinn.
Und nun kommen wir zur Überschrift: Die katholische Kirche ist der Kabelanschluss der Welt an den Himmel, Pfingstler kommunizieren nur per Bluetooth.
Es hat fatalistische Züge, wenn man auf unsere Rolle blickt. Wir sind eine winzige Gemeinschaft: Von den weltweit etwa 2,4 Milliarden Christen sind wir kaum mehr als 600.000 Gläubige (0,025 %). Ein verschwindend geringer Rest. Wir sind es, die dieses „Kabel“ der Tradition vor den Angriffen einer Welt schützen, die es am liebsten kappen würde. Wenn Christus sagt: „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“, dann scheint er sich in diesen Tagen fast fatal auf diesen kleinen Rest verlassen zu müssen. Das erfüllt uns nicht mit Stolz – im Gegenteil. Es macht die Last, die unsere Patres (jetzt im Sommer schwitzend am Altar) verspüren, nur noch schwerer. Es ist ein Dienst am Abgrund.
Wir hatten es ja schon in anderen Texten: Abhilfe in diesem Notstand kann nur noch der Himmel leisten. Und wenn er denn eines Tages wirklich eingreifen wird, dann wird das kein flüsterndes Geheimnis für Eingeweihte sein, über das man sich nur hinter vorgehaltener Hand tuschelt. Nein, die Plagen in Ägypten waren für jedermann zu sehen. Und jeder wusste, worum es hier geht – jeder. Auch der kleine Mann, der unten im Staub nur die Ziegelsteine für die pharaonischen Tempel formte. Wenn die Wahrheit zurückkehrt, wird sie keine Kleingeister brauchen, die ihr Kommen nebulös und ungriffig nur an kleinste – solche Dinge gerne hörende – Kreise ankündigt. Sie wird die Erde so erschüttern, dass auch der Letzte versteht, wer der Herr über dieses Haus ist.
Warum das Schweigen eine Waffe ist
Manchmal frage ich mich, warum solche Gedanken niemals den Weg auf eine Kanzel der Piusbruderschaft finden. Ich ertappe mich dabei, wie ich das kritisiere. Doch in demselben Moment nehme ich diese Kritik ganz zärtlich und liebend wieder zurück.
Die Oberen, die Patres, alle kennen sie diese Gedanken alle ganz genau und durchdenken sie in ihren schlaflosen Nächten immer und immer wieder. Aber sie adressieren dies alles bewusst nicht, um nicht an jenem Punkt zu scheitern, den wir hier herausgearbeitet haben: um nicht stolz und überheblich zu werden.
Würden sie von der Kanzel herunterbrüllen, wie viel besser als Rom sie sind, würden sie nur das Stöckchen aufnehmen, das man ihnen hinhält. Sie konzentrieren sich stattdessen auf das Gebet, auf Maria, auf die Heiligen, auf die reine Auslegung des Wortes Gottes. Sie wissen, dass ihre Aufgabe nicht die geistreiche Sezierung des Systems ist, sondern die ungestörte Verbindung zum Tabernakel und damit der Rettung der ihnen anvertrauten Seelen – und das ist letztlich die größte Demut: sich hier ein Schweigen aufzuerlegen, während man innerlich fast zerplatzt.
Text MB / Foto von Yohan Joy auf Unsplash
