Inventur in der Wüste: Warum wir das Goldene Kalb nicht mehr füttern

Der 1. Juli 2026 markiert einen historischen Punkt. Die Bischofsweihen der Piusbruderschaft in Écône sind vollzogen, und während die offizielle Kirchenwelt in Aufregung gerät, stellt sich für uns die Frage: Was bedeutet das eigentlich für den Gläubigen, der weder in den Palästen der Verwaltung noch in den ideologischen Schützengräben sein Heil sucht?


In einer Predigt, die das Schwert des Glaubens nicht nur erwähnte, sondern führte, hat der Generalobere der Priesterbruderschaft St. Pius X., Davide Pagliarani, den Ton für diese Zeit vorgegeben. Er sprach davon, wie wichtig es ist, das „Stöckchen“, das Rom uns hinwirft, nicht blind aufzunehmen. Er mahnte zur Klugheit der Schlange, um die Doppelzüngigkeit einer Welt und einer Kirche zu erkennen, die sich in „Prozessen“ verliert, statt das Ziel – das Heil der Seelen – anzusteuern.

Aber gerade eine seiner Führungsgestalten, der deutsche Distriktoberere, nimmt das Stöckchen Roms (die Exkommunikationen aller sechs FSSPX-Bischöfe) auf und erklärt mit Kirchenrechtsparagraphen, warum diese gar nicht wirksam sein können. Schön, hätten wir das geklärt. Aber es juckt im Grunde niemanden. In dieser Position hast du einen Schuss – und er schoss daneben. Warum? Weil er die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Es geht hier um mehr als um eine kleine kirchenjuristische Frage. Es geht um einen Kulturkampf, den Rom verlieren wird. Irgendwann, wahrscheinlich nicht mehr in meinem Leben – aber Rom wird verlieren. Das gehen wir jetzt Stück für Stück zusammen durch.


Aus verschiedenen Gründen konnte ich – obwohl angemeldet – nicht an den Weihen teilnehmen. Heute sehe ich das als Segen. Ich hatte die kompletten sechseinhalb Stunden den Livestream laufen und habe mich währenddessen in einem zweiten Browserfenster nonstop mit Gemini (der Google KI) über die Veranstaltung und alles drumherum unterhalten. Wer von der KI nichts wissen mag – okay, kann ich verstehen. ABER: Am Ende spiegelt sie ja nur deine Gedanken wider, bringt aber rechts und links dieses Gedankenweges andere Metaphern und andere Gedankenstränge hinein, die dann selbst – bei mir in diesem Falle – zu weiteren Gedankengängen anregen.
Diese sechseinhalb Stunden waren für mich die wertvollsten seit Langem, und ich konnte für mich Klarheit schaffen, die ich mit euch teilen mag.


Die Inszenierung der Bedeutungslosigkeit


Wir beginnen mit einem Bild, das jeder vor Augen hat: die Pressekonferenz nach der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda. Welches Jahr ist vollkommen egal, es geht um das Phänomen dahinter.
Ein langer Tisch, dahinter die Exzellenzen in Schwarz mit violetten Verzierungen hier und da. Und vor jedem von ihnen steht dieses Tableau der Belanglosigkeit: vier kleine, bauchige 0,2-Liter-Glasflaschen. Eine mit Wasser, eine mit Coca-Cola, eine mit Apfelsaft, eine vierte mit irgendeinem anderen Säftchen, peinlich genau in Reih und Glied. Es gibt nichts Teureres auf der Welt als diesen Schluck aus der kleinen Glasflasche. Ich bin mir sicher, die Systemzentrale von Coca-Cola in Berlin oder Atlanta finanziert dieses Setting mit – das ist kein Zufall, das ist Produktdesign der Bedeutungslosigkeit. Da sitzen sie, die Verwalter des Heiligen, und lassen sich von einer Werbeagentur dekorieren, damit sie in der Tagesschau bloß „anschlussfähig“ wirken. Sie brauchen die Cola, um wach zu bleiben, während sie den Glauben zu einer Art „gesellschaftlichem Kaltgetränk“ verdünnen. Es ist ein Bild des Stillstands. Ein Bild derer, die sich für unendlich wichtig halten, während sie in Wahrheit nur Kulissen schieben.


Und dann wird da geredet und geredet, den Blick nach jedem Halbsatz von halbrechts nach halblinks, damit auch jede Presseagentur mal das Gesicht in Gänze hat. Und es wird geredet. Und weitergeredet. Wir machen uns gemeinsam auf den Weg, wir sind im Dialog. Worüber? Das ist doch vollkommen egal. Es geht um den Prozess, nicht um ein Ziel. Und je länger man auf dem Weg bleiben kann, umso besser gerät das Ziel aus den Augen, wird verschleiert, verhüllt und dann beiseite geschoben – wie der Tabernakel im Freiburger Münster. Den muss man suchen.


Ich kenne keine einzige Pressekonferenz, die die Piusbrüder gegeben hätten. Es gibt sie jeden Sonntag, in jeder Kapelle der Piusbrüder. Immer begleitet von Weihrauch und Gewändern. Eingerahmt von lateinischen liturgischen Gesängen spricht der Priester dann sogar eine Viertelstunde lang auf Deutsch. Während der Predigt. Dort verortet die Piusbruderschaft ihre – nein, nicht ihre, die Botschaft des Heilands. Öffentlichkeitsarbeit pur. Nein?


Die Rente der Cherubim: Warum wir nicht mehr „warten“ müssen


Um zu verstehen, warum die Geschäftigkeit unserer heutigen Bischofskonferenzen so grotesk ist, muss man das „Credo“ lesen – besonders den Satz: „Descendit ad inferos“. Er stieg hinab in das Reich des Todes.
Wir stellen uns den Karsamstag oft als einen traurigen, passiven Tag vor. Aber in der Tiefe der theologischen Wirklichkeit ist der Karsamstag der Tag des „Sturms auf die Hölle“. Christus steigt hinab, nicht um zu verhandeln, nicht um einen „Modus Vivendi“ mit den Mächten der Finsternis auszuhandeln, sondern um das Grab von innen zu sprengen. Und hier kommt das Bild, das unsere moderne, weichgespülte Kirche völlig vergessen hat: Der Weg ins Paradies war seit dem Sündenfall durch die Cherubim versperrt, die mit dem flammenden Schwert den Eingang bewachten.


Wenn Christus nun siegreich aus dem Reich der Toten hervorgeht und die Gerechten des Alten Bundes in den Himmel aufnimmt, dann ist der Auftrag der Cherubim beendet. Christus schickt sie förmlich in Rente.


Was machen unsere Bischöfe? Sie sind wie Leute, die vor dem verschlossenen Paradies stehen, ihre 0,2-Liter-Glasflaschen in der Hand halten und versuchen, mit den Cherubim darüber zu debattieren, ob man das Schwert vielleicht ein wenig zur Seite schieben könnte, um „auf Augenhöhe“ mit der modernen Welt zu sein. Sie sind Sklaven eines Systems, das sie längst hätten hinter sich lassen können, hätten sie den Mut, den Zeigestock auf den Karsamstag zu richten.


Die Werkstatt des Beliebigen vs. Die Härte des Berges


Schauen wir uns den Kontrast an. Hier Rom, dort die Tradition. Auf der einen Seite erleben wir den „Tücherlege-Katholizismus“. Da wird in Workshops getöpfert, Stellwände werden geschoben, der Boden wird mit bunten Stoffen ausgelegt – bloß keine Kanten, bloß keine Schwelle, die man überwinden muss. „Niedrigschwellig“ ist das Wort der Stunde. Man biedert sich an die Welt an, man macht sich klein, man macht sich weich, man macht sich – am Ende des Tages – vor allem eines: überflüssig.


Und auf der anderen Seite? Da steht Pater Lang in unserer kleinen Kapelle. Es ist ein Sommertag, die Luft steht, die Hitze drückt wie ein Mühlstein auf die Schultern. Die Stirn glänzt, das Gewand klebt, aber Pater Lang zieht durch. Er verzieht keine Miene. Er kennt das Ziel. Er weiß, dass er an etwas arbeitet, das größer ist als ein bisschen körperliches Unbehagen; da sind zwei Liter Schweiß kein Hindernis, sondern eine Nebensächlichkeit. Es gibt keine Zugeständnisse an die Bequemlichkeit – nicht an uns, nicht an sich selbst. Und das Erstaunliche: Die Leute kommen trotzdem. Sie bleiben, sie harren aus.


Die drei Tage in der Wüste


Warum tun sie das? Weil sie den „Hunger“ haben. Das erinnert mich an das Evangelium der Brotvermehrung. Die Leute folgten Christus drei Tage lang in die Wüste. Drei Tage! Ohne Catering, ohne bequeme Sitzgelegenheiten, ohne „niedrigschwellige Angebote“. Sie haben ihre physischen Bedürfnisse – den Hunger, den Durst, die Müdigkeit – schlichtweg vergessen.
In dieser Perikope ist das Wunder der Brotvermehrung eigentlich nur der Nebenkriegsschauplatz. Der eigentliche Kern des Wunders war, dass die Leute drei Tage lang ausgeharrt haben, weil sie einen Hunger hatten, der tiefer ging als der nach Brot: Sie hatten Hunger nach der Wahrheit. Sie spürten, dass sie bei Christus nicht mit „Methoden“ abgespeist wurden, sondern mit dem Wort, das Leben ist.


Warum Rom an dieser Härte verzweifelt


Rom erträgt das nicht. Die Kirchenfunktionäre können nicht begreifen, warum ihre „niedrigschwelligen“ Angebote in den Pfarreien ignoriert werden, während die Leute bei der Tradition – wo man keine Konzessionen an die Welt macht – stundenlang in der Hitze ausharren.
Sie haben keine Antwort darauf. Ihr einziger Reflex ist immer das gleiche, alte Muster: „Härte“ ist für sie böse, „Strenge“ ist für sie rückständig. Sie versuchen es weiter mit Stellwänden und Dialog-Gruppen, während die Kapelle der Piusbruderschaft aus allen Nähten platzt. Die Wahrheit ist eben keine Wellness-Veranstaltung. Die Wahrheit ist ein Berg, auf den man steigen muss – und der Weg dahin ist oft steinig, heiß und schweißtreibend.


Die „Verwalter des Heiligen“ haben ihre Antworten verloren, weil sie den Hunger des Menschen nach dem Absoluten durch den Hunger nach „Bedeutung“ ersetzt haben. Sie bieten uns Coca-Cola an, wenn wir eigentlich nach Wasser dürsten, das aus dem Felsen schlägt. Und deshalb werden sie immer nur die gleichen, leeren Pressekonferenzen abhalten können, während wir – im Schweiße unseres Angesichts – vor dem Tabernakel bleiben.


Die Schablone der Hilflosigkeit: 38 Jahre Wiederholung


Wir stehen heute an einem Punkt, der 38 Jahre nach den ersten Weihen durch Erzbischof Marcel Lefebvre eine bittere Deutlichkeit erreicht hat. Lefebvre war damals der Pionier. Er stieß ins Ungewisse vor. Er wusste nicht, welche Stürme auf ihn zukommen würden – er wusste nur, dass das Feuer bewahrt werden muss. Rom hingegen wusste es ganz genau: Exkommunikation aussprechen, die Sache isolieren, warten – und dann stirbt das Ganze von selbst.

Das war die Strategie derer, die an den Prozess glauben, nicht an den Geist. Sie dachten, ein Stempel auf einem Dekret reiche aus, um eine übernatürliche Wirklichkeit zu ersticken. Da kam mir der Satz des Gamaliel: „Wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden; stammt es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten.“
Nach 38 Jahren haben wir nun die Gewissheit. Wir haben die Schablone. Wir wissen, wie das Spiel läuft. 17.000 Menschen auf dem Acker im Wallis – das ist kein „schismatischer Akt“, das ist ein Zeugnis. Und während wir die Schablone der Treue haben, hat Rom einfach wieder ihre alte, staubige Schablone aus der Schublade geholt.

Es ist ein groteskes Schauspiel. Dasselbe Rom, das 1988 die Exkommunikation aussprach, sie 2009 plötzlich zurücknahm, das sogar im Kleinen das Lesen der alten Messe tolerierte, nur um diese Toleranz dann wieder einzukassieren und nun erneut zur Exkommunikation zu greifen.
Man muss es so hart sagen, wie es ist: Ich kann Rom in seiner aktuellen Verfassung nicht mehr ernst nehmen. Eine Behörde, die ihre eigenen Dekrete wie Spielkarten mischt, die heute verbietet, was gestern erlaubt war, und morgen wieder sanktioniert, hat jedes moralische Gewicht verloren. Sie sind keine Hirten mehr, sie sind Verwalter einer permanenten Krise. Sie versuchen, den Geist mit bürokratischer Willkür einzufangen. Aber der Geist lässt sich nicht in ein 0,2-Liter-Glasfläschchen pressen.


Wir sind nicht mehr die Gejagten von 1988. Wir sind das, was bleibt, wenn die Schablonen der Macht ihre Wirkung verlieren.


Die Schablone ist uralt: Vom Bastkörbchen zum Kalb aus Gold


Wir klammern uns zu sehr an die letzten 38 Jahre. Die Schablone, die wir heute in Rom beobachten, ist in Wahrheit jahrtausendealt. Sie ist in die DNA der Heilsgeschichte eingeschrieben. Es ist ein geistiges Versagen erster Güte, dass die „Großstudierten“ in Rom, die jede kirchenrechtliche Haarspalterei beherrschen, diese wuchtigen Linien der Geschichte nicht mehr sehen. Oder nicht mehr sehen wollen, weil sie den Blick auf den Abgrund freigeben würden.


Schauen wir auf Mose. Gott wählt den Weg der totalen Aushöhlung: Er lässt Mose ausgerechnet im Palast des Pharao großwerden. Mose atmet die Luft des ägyptischen Machtapparates, er kennt die Intrigen, er kennt die kalte Härte des Systems von innen. Er ist ein Fremdkörper, von Gott kultiviert, um später das gesamte Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Dann die Berufung: Ein brennender Dornbusch, mitten in der Einöde, fernab jeder diplomatischen Bühne.

Mose ist das rohe, unvermittelte Eingreifen des Himmels in Menschengestalt. Er führt das Volk heraus. Er treibt sie nicht in den Dialog mit dem Pharao, er reißt sie aus der Sklaverei. Und dann das Wunder: Das Rote Meer teilt sich. Eine Naturgewalt, die nicht verhandelbar ist, ein Eingreifen, das den Gesetzen der Welt den Krieg erklärt. Trockenen Fußes gehen sie durch den Abgrund.


Und dann?

Dann passiert dieser eine, fatale Moment. Mose steigt auf den Berg. Er verlässt das Volk für eine kurze Zeit, um die Tafeln des Gesetzes zu empfangen – das absolute, unnachgiebige Wort Gottes. Er gibt für einen Augenblick das Heft des Handelns aus der Hand, um beim Schöpfer die Richtung zu verifizieren. Und das Volk? Das Volk dreht sofort durch.

Sie gießen sich das Goldene Kalb.


Warum? Weil die ungeschminkte Wahrheit des Berges, diese schneidende Klarheit, für die Menschen unerträglich ist. Das Kalb ist die totale Ablenkung. Es ist die Verdunkelung der Wahrheit, damit man sich nicht der nackten Majestät des Augenblicks stellen muss.

Alles, was wir heute in der Kirche sehen – das verzweifelte Klammern an „Prozesse“, das endlose „Unterwegs-sein“, die Workshops, in denen man sich gegenseitig seine Befindlichkeiten erklärt – ist genau dieses Gießen des Kalbes. Weil man die Wahrheit, die Mose vom Berg bringen würde, schlichtweg nicht mehr aushalten kann.


Das Ende der Hirten-Rolle


Die Welt dürstet nach Rom. Das ist die Tragödie. Wenn auf dem Stuhl Petri ein Papst säße, der seinen Job ernst nehmen würde – als Fels, als Zeuge, als Stellvertreter des Absoluten –, dann würde die Welt heute anders aussehen. Die kulturellen Fehlleitungen, in denen wir bis zum Hals stecken, würden wie Kartenhäuser in sich zusammenbrechen – es gäbe wieder nur noch Mann und Frau – wenn nur einer da oben den Zeigestock wieder auf die unumstößliche Wahrheit richten würde.


Aber statt Mose zu sein, der den Berg besteigt, spielen sie in Rom die Rolle des ägyptischen Hofstaates. Sie verwalten die Statuen. Sie haben die Rolle des Hirten komplett abgelegt. Ein Hirte führt das Volk – er hat ein Ziel, er hat einen Weg. Die Verwaltung in Rom hat kein Ziel. Sie haben nur noch den Status Quo. Sie sind nicht mehr die Hirten, die durch das Rote Meer führen; sie sind zu den Verwaltern der Wüste geworden. Sie haben sich in der Belanglosigkeit eingerichtet und fordern nun von uns, dass wir uns ebenfalls dort niederlassen, weil sie den Gipfel des Berges längst aus den Augen verloren haben.

Was hat der Iran damit zu tun?


Natürlich nichts, aber man kann da recht plakativ erkennen, um was es geht: Unüberbrückbare Kulturunterschiede.
Pagliarani beschreibt das zu Beginn seiner Predigt über Sprachunterschiede. Das hatten wir ja oben schon. Dafür gäbe es ja Dolmetscher. Nein, es sind Kulturunterschiede. Und dafür gibt es keine Übersetzer.
Die Frauen im Iran mit ihren (aus unserer Sicht von ihren Männern aufgezwungenen) Verhüllungen würden damit wahrscheinlich bis heute einigermaßen zurecht kommen, hätte der Westen nicht dorthin irgendwann die Jeans und Coca-Cola importiert – und damit einen Kulturwandel provoziert. Einige Teile der Gesellschaft nahmen diesen Kulturwandel willig auf (Rom in unserem Bild), andere sehen darin nichts anderes als den Angriff auf ihr Dasein, wie es seit Jahrtausenden organisch gewachsen ist (Piusbrüder). Nur: Man kann jetzt über die Jeans und die Coca-Cola im Iran einen Boykott verhängen, das nützt aber nichts mehr, denn in den Köpfen der Progressiven im Iran ist die Jeans und Coca-Cola jetzt verankert, selbst wenn sie einmal den Argumenten der Traditionalisten wirklich und aufnehmend zuhören würden. Dieser Kulturwandel ist mit keinem Radiergummi der Welt mehr wegzubekommen, selbst wenn es das High-End-Modell von Rotring ist.


Nun, wie soll die Gesellschaft im Iran weiterleben? Sollen sie sich bekriegen und mit gegenseitigen Redeverboten (Exkommunikation) überziehen, oder kann man einen Modus vivendi schaffen?


Wenn der Modernist sagt: „Gott ist in allen Religionen“, und der Traditionalist sagt: „Es gibt keinen Namen unter dem Himmel, durch den wir gerettet werden, außer Jesus Christus“, dann ist das kein politischer Meinungsunterschied, bei dem man sich auf einen Kompromiss einigen kann. Das ist ein ontologischer Widerspruch.
Wenn der Kulturwandel nicht zurückzudrehen ist, dann gibt es für uns nur drei Möglichkeiten, wie wir „weiterleben“ können, ohne uns gegenseitig zu vernichten:


• Die Illusion des „Modus vivendi“: Das ist der Weg, den Rom derzeit versucht (z. B. durch die „Anerkennung“ der Tradition unter strengen Auflagen). Das ist wie eine Ehe, in der beide Partner annehmen, der andere würde sich irgendwann ändern. Es führt nur zu ständigem Streit.
• Die totale Trennung (das geistige Exil): Das ist das, was ich tue. Ich versuche nicht, die Progressiven umzuerziehen, aber ich lasse mich auch nicht von ihnen „bejeansen“.
• Die Reinigung durch die Zeit: Wenn der Kulturwandel der Progressiven – wie man sieht – dazu führt, dass die Pfarreien leer werden (weil niemand mehr zu einer „Coca-Cola-Liturgie“ kommt), dann wird sich das Problem durch das Verschwinden der Akteure lösen. Die Tradition überlebt, weil sie organisch gewachsen ist und sich nicht am Zeitgeist festklammert.


Und ja, es wird einen geistigen Krieg geben, bis die eine Seite erschöpft ist. Aber dieser Krieg wird nicht mit Exkommunikationen gewonnen, sondern durch Substanz.


Derjenige, der den „brennenden Dornbusch“ hütet, wird am Ende derjenige sein, der den anderen Brot gibt, wenn ihnen der Hunger nach dem Prozess vergeht. Wir müssen sie nicht bekehren, wir müssen nur da sein, wenn sie irgendwann – in 10, 20 Jahren – merken, dass sie in ihren Jeans und mit ihrer Coca-Cola innerlich verhungert sind.


Und ihr wisst es ja: Ich hatte bis 2015 ja die Jeans an und habe Coca-Cola getrunken. Gar nicht so sehr aus Überzeugung oder militantem Tun, sondern weil ich halt in einem Umfeld aufgewachsen bin, wo es die Coca-Cola und die Jeans schon gab. 2015 haben wir, meine Frau noch früher als ich, zusammen gemerkt: Lass uns die leere Coca-Cola-Flasche in den Pfandautomaten tun und keine mehr nachkaufen. Die Jeans hat auch Löcher, ab in den Altkleidersack damit.

Text MB, Bild FSSPX

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