Messenachlese Deutsche HiFi Tage 2022 in Darmstadt

von Markus Brogle

Nun ist es für dieses Jahr geschafft. Die Messen sind durch. Und an diesem Faktum lässt sich ganz klar eines feststellen: Der Mensch kann eigentlich nur überleben, weil er wirklich heftige Erfahrungen über die Zeit verklärt und einzig deshalb sich erneut ins Getümmel wagt. Nach rein vernünftigem Ermessen dürfte man eigentlich keine Messen machen: Messen sind Knochenbrecher – vor allem deren Vorbereitung  und der Auf- sowie Abbau des Stands. Jünger werden wir auch nicht mehr.

Was mache ich? Ich bin Mitarbeiter einer nicht unbedeutenden Vertriebsfirma von ambitionierten Geräten der Unterhaltungselektronik. Lautsprecher, Plattenspieler und so. Alles bockschwere Viecher. Und natürlich darf nirgends ein Kratzer dran kommen.

Wir haben vor Jahren entschieden, dass das so nicht geht, wie es die meisten machen. Ein handelsüblicher Messestand in unserer Branche besteht aus drei bis vier Roll-Ups, zwei Hallentischen, über die man ein großes graues Tischtuch wirft, Geräte drauf, Preisschild dran und fertig. Noch besser sind die, die Tapeziertische aufstellen. Die brechen dann aber auch mal gern unter der Last eines 2 Zentner schweren Verstärkers zusammen.

Wer es dann ganz ernst nimmt, baut auch mal eine Vorführanlage auf. Da werden dann ein paar abgeranzte Stühle, die man für 500 Euro (!) vom Veranstaltungsort mietet, aufgestellt, dass die (vielleicht doch nicht so verehrte und umgarnte) zukünftige Kundschaft einen Sitzplatz während der Vorführung hat.

Und dann die Vorführung: da lümmelt ein unmotivierter Lehrling im Eck mit dem Tablet in der Hand und dudelt irgendeine Spotify-Playlist ab, während er sich lautstark mit Kollegen unterhält. Da soll dann der Messebesucher Lust auf HiFi bekommen.

Wir präsentieren jedes einzelne Gerät unseres Portfolios auf einem eigenen, von innen beleuchteten Podest (wiegt allein schon knapp 30 kg) – ähnlich den Stelen, wie man sie in Museen hat. Hinter jedem dieser Podeste hängt ein bedrucktes Stoffbanner von der Decke herunter. Allein die Montage dieser Banner beschäftigt während des Aufbaus 2 Mann 3 Stunden lang. Ein Roll-Up hingegen steht in 30 Sekunden.

Für die Vorführung legen wir eine Insel aus extrem hochflorigen Teppichen und positionieren darauf transparente Stühle, die wahnsinnig bequem sind. Die Transparenz sorgt dafür, dass der Raum optisch groß bleibt. Um die Lautsprecher vernünftig aufstellen zu können, schleppen wir zwei je 60kg schwere Schieferplatten mit. Wir verlangen vom Veranstaltungsort eine möglichst absolute Verdunklung des Raumes und bringen unsere eigene Beleuchtung mit. So entsteht eine Wohlfühlatmosphäre, die unsere Besucher zum Teil über Stunden an unseren Raum bindet.

Marketing at its best: Jede Minute, die der Besucher bei Dir ist, ist er nicht wo anders.

Für die klangliche Optimierung der Anlage vor Ort nehme ich mir nach dem Aufbau, wenn die anderen schon an der Hotelbar sitzen, 2 Stunden Zeit. Das ist nicht viel. Die absolute Perfektionierung dauert eigentlich Jahre – siehe mein privates System. In diesen Stunden suche ich dann gezielt die fünf Musikstücke für die 25-Minütige Vorführung aus. Und das geht bei uns nicht per Spotify. Wir verkaufen Plattenspieler. So habe ich schon an drei oder vier Wochenenden im Vorfeld meine drei Plattenkoffer, in die jeweils ca. 60 Platten reinpassen, gerichtet. Da wird nichts blind mitgenommen und dafür brauche ich Zeit. Zeit mit open End. Mit Termin im Nacken kann man sich nicht liebevoll der Musikauswahl für eine Messe widmen. Entweder suche ich entlang eines Mottos aus (diesmal haben wir nur Live-Mitschnitte gespielt) oder entsprechend der klanglichen Fähigkeiten der Anlage. Wenn ich einen kleinen Monitorlautsprecher spiele, brauche ich kein tiefbasslastiges Zeugs mitnehmen.

Da ich selbst Musik mache, ist es mir zudem ein Bedürfnis, den Besuchern dann die Stücke nicht einfach nur vorzududeln, sondern sie auf eine 25-Minütige Reise mitzunehmen. Ich erzähle etwas über die Entstehung der Platte oder eine Anekdote rund um das Musikstück. Und dies immer mit einem humoristischen und vor allem herausfordernden Grundton. Das wirkt die ersten zwei Minuten großmäulig, aber ich habe bisher noch jede Crowd spätestens nach dem zweiten Stück geknackt. Dabei kommt mir mein leicht pummeliges Äußeres sogar zu gute. Die Erkenntnis, dass man diesem Typen zuhören sollte, braucht zwar immer zunächst einen Eisbrecher – aber danach kleben sie mir an den Lippen.

Ich vermeide es fast schon militant während der Vorführung über die Qualitäten des HiFi-Systems zu reden. Diese Brücke soll der Besucher am Ende selbst schlagen – und das funktioniert immer. Da kommt mir natürlich zu Gute, dass wir wirklich extrem gute Ware haben. Egal, welche Kombination von Geräten wir vor der Messe am grünen Tisch planen, ich habe es bisher immer mühelos zum Klingen gebracht. Im Branchenvergleich sind unsere Geräte – zumindest was das Preis-/Klangverhältnis angeht – noch als günstig zu bezeichnen. Selbst unser Topsystem, dass wir dieses Jahr präsentiert haben, kostet ein Zehntel der absoluten Topliga.

Beim Abbau war es dann einem direkten Mitbewerber ein Bedürfnis, zu uns zu kommen und klar und unumwunden zu gestehen:

Eure Systeme sind einfach bei jeder Messe die Besten.

Das finde ich groß – unter diesem Joch muss man erst mal durch – Respekt.

Üblicherweise führen wir alle halbe Stunde für 25 Minuten vor. Dann kurz lüften – Publikum austauschen – nächste Vorführung. Die Letzte Stunde des Tages ist dann immer die HappyHour. Da spiele ich eine Stunde am Stück ausgefallenere Musik (die restlichen Platten aus den Koffern). Diese HappyHour wird in jeder Vorführung tagsüber angekündigt. Und da kommen sie dann alle – alle, die es wirklich wissen wollen. Die, die es mit der Musikliebhaberei ernst nehmen.

Und die Presseleute. Die haben eigentlich gar keine Zeit für so was. Die müssen überall fotografieren, Tests von Neuheiten mit den Vertieblern arrangieren und networken. Nein – sie sitzen bei mir. Eine Stunde lang. Jedes Mal. Und auf den Gängen hört man das immer gleiche Getuschel: da müsst ihr unbedingt hingehen. Das ist der Hammer.

Genug der Lobhudelei – eigentlich wollte ich ja jammern.

Wie vielleicht schon rauszulesen war, betreten wir am Aufbautag einen leeren Raum. Wir bringen alles selbst mit – ALLES. Je nach Größe der Messe ist das ein 7,5-Tonner oder wahlweise zusätzlich noch ein Sprinter. Und die werden in der Logistik per Tetris-System gepackt. Ladungssicherung ist unnötig – die Karre ist komplett voll.

Wir sind ein eingespieltes Team. Das meiste läuft wortlos ab. Und wenn geredet wird, dann wird gefrotzelt oder über den letzten Urlaub gesprochen. Es gibt kein böses Wort, kein Gefluche. Wir funktionieren wie ein Räderwerk. Aber die Zeit ist uns ständig im Nacken, da wir nur einen Tag für den Aufbau haben. Und das Zeug ist alles sau schwer. Am Anfang ist das alles kein Problem – aber so gegen drei Uhr mittags geht einem so langsam die Puste aus. Es gab ja auch im Vorfeld keine Minute Ruhe. Noch in der Nacht davor faltet und beklebt man die Flyer, die verteilt werden, Tags zuvor hat man die Podeste nochmals frisch gestrichen usw…

Und dann gönnt man sich nach dem Aufbau auch mal was und vergisst an der Hotelbar grundsätzlich, dass man am nächsten Tag ein ausgeschlafener Showmaster zu sein hat. Und genau das ist es aber: die eigentliche Show (8 Stunden am Stück) strengt mich null an. Das macht mir Spaß. Da bin ich der Fisch im Wasser. Anders als meine Chefs, durch alle Beschäftigungsverhältnisse hindurch, habe ich auch keine Angst vor der Kundschaft. Ich weiß, was ich kann und lasse mich argumentativ so gut wie nie in die Sackgasse bringen. Das ist auch vielleicht die Freiheit des Angestellten, der nicht die Verantwortung trägt.

der Abbau

Du hast einen Tag Vorführung in den Knochen, die letzte Stunde hast Du extrem emotionale und aufwühlende Musik gespielt. Es gab nichts zu essen und wie immer viel zu wenig zu trinken. Nach dem letzten Stück den Stecker der Anlage zu ziehen, ist ein wirklich emotionaler Moment. Der Abbau dauert meist fünf Stunden incl. Laden. Und dann sind die Nerven am Ende. Ich will fertig werden und fahre meist auch noch nachts nach Hause. Da will ich mit niemandem mehr reden oder an der Hotelbar Blödsinn quatschen. Das Autoradio ist aus. Das Adrenalin und das Gedankenkarussell ist Unterhaltung genug.

die Sinnfrage

Was soll das alles bringen? In der Covid-Zeit hatten wir keine Messen und dafür den doppelten Umsatz. Jetzt, da die Regierung allen Angst einjagt, geht der Umsatz zurück.

Natürlich läuft das Marketingbudget immer antizyklisch. Aber dieser Aufwand und diese Schinderei – wofür? Damit ich zwei Tage Showmaster sein darf. Das ist zu viel der Ehre. Das reicht nicht.

Leider ist es nicht so, dass am Montag bei uns die Bestellhotline heiß läuft, weil wir so eine Hammershow gemacht haben. Dieses Konzept muss dringend neu überdacht werden.

Bilder alle Markus Brogle

Eine Antwort zu “Messenachlese Deutsche HiFi Tage 2022 in Darmstadt”

  1. Ein sehr interessanter Einblick in die Messearbeit. Ein nüchterner Schluss. Hoffentlich erinnern sich die Hörer noch lange und werden zu eifrigen Bestellern!

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