Die Totgeburt – eine Nachbetrachtung

von Markus Brogle

Die ersten Tage der WerteUnion sind ja nun nicht so verlaufen, wie es sich viele erhofft haben. Das Netz quillt über an Videos und sonstigen Beiträgen, die bereits den Abgesang auf die WerteUnion singen.

Dazu hatte ich ja auch bereits geschrieben. Nun ist ein wenig Wasser den Rhein an Remagen vorbei hinuntergeflossen, aber Gras ist über die Sache noch lange nicht gewachsen.

Ich habe mich die letzten zwei Tage sehr intensiv mit der Entwicklung beschäftigt und kann mir so langsam ein Bild machen.

Das Schachbrett

Einer von vielen Youtube-Kanälen lenkt die Betrachtung auf den unsäglichen Begriff der Premiumpartnerschaft mit der CDU in eine andere Richtung als die herrschende Meinung. Vielleicht war das ja ganz im Gegenteil ein genialer Schachzug. Für uns zumindest allemal. Unter allen Videos sind sich die Kommentare einig – dann bleiben wir auf alle Fälle bei der AfD. Vielen Dank also an dieser Stelle an Dr. Maaßen.

Gleichzeitig zeigt er ein Herz für alle Noch-CDU-ler, die er damit vielleicht noch abwerben kann. Er hat seine Figur somit auf dem Schachbrett perfekt aufgestellt. Uns wird er nichts mehr wegnehmen und der CDU kann er vielleicht noch etwas mehr schaden. Man muss immer alles von beiden Seiten betrachten – man lernt es immer wieder. Und dass Maaßen ein helles Köpfchen ist, wird ja wohl niemand bestreiten.

Die Causa Dr. Krall

Ich sage es gleich, ich bin kein Fan von Dr. Markus Krall. Ich bin kein Libertärer. Ich sehe durchaus einen Sinn darin, dass sich der Staat in Bereichen, die hoheitlich besser und vor allem gerechter zu organisieren sind, auch einbringt. Dass die staatlichen Institutionen dies alles seid Jahrzehnten falsch machen, ist für mich kein Grund, den Staat aus allem heraus zu ziehen. Vielmehr muss hier korrigierend eingegriffen werden.

Gleichzeitig stört mich an Krall seine vollkommen übersteigerte Hybris. Diese kommt nicht nur in seiner Sprache und seinem Gestus zum Ausdruck, sondern vor allem auch in taktischen Fragen. So ist er enttäuscht, aus der Gestaltung der Programmatik der WerteUnion komplett isoliert worden zu sein, obwohl er das zur Bedingung seiner Mitarbeit gemacht hat. Gleichzeitig sagt er, dass er in der Partei keinerlei Amt angestrebt habe. Diesen Zielkonflikt sieht er wohl nicht. Verantwortung bekommt nur, wer auch Verantwortung übernimmt.

Ihr merkt es schon: momentan kippt mein Herz in Sachen WerteUnion wieder Richtung Maaßen, der wohl klar gesehen hat, dass er sich mit Krall einen Kopf eingehandelt hat, der völlig frei von Verantwortung jederzeit inhaltlich querschlagen oder zumindest ausscheren kann. Somit war seine Entscheidung, Krall nicht zur Gründungsversammlung auf das Schiff einzuladen, wahrscheinlich richtig.

Nur nebenbei für alle, die es vielleicht nicht bis ins Detail verfolgt haben: Kralls Krankheit war nicht der Grund für dessen Fehlen auf dem Schiff. Das sagt Krall auch selbst. Er war schlicht nicht eingeladen.

in Klippen festgefahren

Auf der anderen Seite bemüht Krall ein hervorragendes Bild für den momentanen Zustand der WerteUnion – wieder gemünzt auf die Parteigründung auf einem Schiff: Maaßen hat das Schiff in die Klippen gefahren. Wenn er es wieder frei bekommen will, ist er gut beraten sich alle Informationen und Hilfsangebote der Basis anzuschauen und diese besser zu integrieren.

Das Versprechen von Erfurt, das jedes Mitglied des Vereins WertUnion auch Parteimitglied sein kann, wurde ja mit der Gründungssatzung klar gebrochen. Dort wird von einer 15-monatigen Bewährungsmitgliedschaft gesprochen. Dieses Versprechen war aber Bedingung, dass die Mitglieder des Vereins zustimmten und Maaßen das Go gaben, die Partei zu gründen.

Alles nicht so ganz optimal. Es wäre aber auch zu schön gewesen, wenn es in der Geschichte der Bundesrepublik zum ersten Mal gelungen wäre, eine Parteigründung harmonisch und in Einklang von statten gehen zu sehen.

Machen wir uns also nichts vor, Grabenkämpfe gibt es nicht nur bei uns. Und damit wird eine denkbare Koalition AfD-WerteUnion noch weniger ein Zuckerschlecken, da man bis heute nicht so recht weiß, womit man es mit der WerteUnion eigentlich zu tun hat. Die einen weinen noch Ihrer Ex (der CDU) nach und die anderen sind von radikalen libertären Gedanken zerfressen.

Vielleicht liegt es ja an mir, dass mir der youtube-Algorithmus momentan nur Videos vorschlägt, die die WerteUnion am Ende sieht. Einzig in einem Interview mit dem von mir heiß geliebten Armin-Paul Hampel legt dieser moderatere Töne an und rät, erst mal abzuwarten.

Bild von Gianluca auf Pixabay

Eine Antwort zu “Die Totgeburt – eine Nachbetrachtung”

  1. Kommentar von Hartmut Amann via Telegram:
    Sogar sehr gut, finde ich es, Dr. Krall nicht mehr an der Backe zu haben (ich spreche jetzt, als wäre ich ein AfDler). Der Mann ist so gut, dass er jeder Partei, egal welcher, sofort 10 Extra-Prozent bescheren würde. Was natürlich nur ein spaßiger Gedanke ist. Und Deine Nachbetrachtung ist wieder mal 1 A -Spitzenklasse. Denn es ist so: Wenn ich mir einer Sache schon 90 % sicher bin sorgst Du in drei Minuten für die restlichen 10, also 100 %. Ist das nicht schön? Hoch lebe Markus Brogle. IEA

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