von Markus Brogle
Altmodischer wie ich geht es wohl kaum. Dreht mir einen Strick draus. Ist mir egal. Wie bei einer Lotusblume perlt das einfach an mir ab. Je mehr Leute gegen mich sind, umso wohler fühle ich mich. Ihr könnt Euch sicher an den Torhüter Oliver Kahn erinnern, der gerne, ob seines durchaus animalischen Auftretens, hier und dort und am öftesten in Dortmund mit Bananen beworfen wurde. Seine Reaktion seinerzeit: „Herrlich! 80.000 Mann als Gegner – erst dann werde ich zum Tier.“
So geht es mir auch in den Vorführungen auf Messen. Wenn da das ein oder andere Pärchen sitzt, habe ich leichtes Spiel. Emotional kann ich immer. Spannend wird es, wenn Du Gegner in der Vorführung sitzen hast, und Du sicher weißt, mir kann keiner was. Ich bin in meinem Job absolut sattelfest und mich bringt, zumindest in meiner Branche, keiner aus dem Konzept. Genau deshalb macht es mit echten Gegnern einfach mehr Spaß.
Ich schweife ab. Oder doch nicht?
Wir waren heute bei IKEA in Freiburg. Und gleich vorweg: mögen mich die Anwälte von IKEA verklagen. Hätten wir eine korrekt funktionierende Justiz, bräuchte ich mich nicht zu fürchten.
Daher fordere ich Euch gleich zu Beginn zu einer Aktion auf. Geht zu IKEA und kauft maximal den üblichen Hunderterpack Teelichter. Nichts weiter und um Gottes Willen nichts, woran IKEA auch nur einen Cent Rendite machen könnte. Warum? Abwarten.
IKEA muss sich vor mir nicht wirklich fürchten. Mein Blog hat 7 Follower und der zugehörige Telegram-Kanal 8 Abonnenten. Aber das ist mir vollkommen wurscht. Ich schreibe hier nicht für Euch sondern für mich. Eines Tages, wenn der vernünftige Menschenverstand in Amt und Würden kommen wird, werde ich auch nach meinen Motivationen gefragt werden. Bis dahin werde ich ein Buch herausbringen, mit meinen gut 60 Artikeln aus dem Freiburger Standard und den bis dorthin hier erschienenen.
Zusätzlich lohnt es sich, um mich zu verstehen, den Katechismus der katholischen Kirche, wie er vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gegolten hat, zu studieren. Aber das habe ich schon oft geschrieben.
IKEA = Gleichschaltung
Bisher hat es noch niemanden genutzt, Begriffe des Naziregimes für die politische Aktion zu nutzen. So auch mir nicht. Aber die Überschrift dieses Abschnittes sage ich schon seit Jahrzehnten als Mantra vor mir her. Jeder aus meinem Umfeld weiß das.
Das Design von IKEA ist grundsätzlich cool. Punkt. Auch wenn etwas dort hässlich sein sollte, ist es allein deshalb hübsch, weil es von IKEA ist. Wer definiert Gleichschaltung anders?
Deshalb glaubt man also, dass es da cool und günstig ist und man vor allem alles hier und jetzt mitnehmen kann. Im Möbelhaus nebenan, beträgt die Lieferzeit für alles und jedes grundsätzlich zwischen 6 und 8 Wochen.
IKEA invetstiert Unsummen von Geld in das Design der Produkte und die (kostenseitige) Optimierung von Abläufen.
Wer ist die Kundschaft von IKEA? Am auffälligsten sind die Töchter mit Mutter, die gerade ausziehen. Sicher 60% der Kundschaft. Und dann die ganze woke Meschpoke.
Man schaue sich den Parkplatz auf dem Gelände an. Nirgends, noch nicht mal auf dem Hof eines Elektroautohändlers, ist die Elektroautoquote höher, als auf dem IKEA-Parkplatz. Einzig die Lasten(elektro)bikes, trüben die Statistik Elektroauto pro Kunde ein wenig.
Ja was nun – komm zu Potte!
Und da waren nun zwei Begebenheiten heute, die einen speziellen Nachgeschmack hinterließen. Einer davon reicht dazu aus, dass ein anständiger Mensch diesen Laden niemals mehr betritt. Aber das erst zum Schluss.
Zunächst kam über den Lautsprecher die Durchsage, ein Mitarbeiter möge sofort ins Restaurant als Ersthelfer kommen. Ich so: Kocht anständig – dann kippt auch keiner um. Kurz darauf, wieder über den Lautsprecher: der Fahrer des Wagens mit dem amtlichen Kennzeichen xy möge seinen Wagen wegfahren. Ich so: Aha – steht jemand dem Rettungswagen im Weg. Wenig später: es wird kein Ersthelfer mehr im Restaurant benötigt. Aha, entweder tot oder die Fischgräte freiwillig ausgespuckt.
Wie auch immer, aber sowas über den offiziellen Lautsprecher durchzugeben – wie unprofessionell ist denn das? Jeder Mitarbeiter wird ja wohl ein Handy haben und man wird wohl wissen, welche der gerade anwesenden 82 Mitarbeiter in der Lage sind, eine stabile Seitenlage herzustellen. Mehr darf ein Ersthelfer ja eh nicht machen. Vielleicht war unter den Kunden ja auch irgendein (Impf-)Arzt. Spielt ja auch keine Rolle. Aber als so extrem professionell und am Puls der Zeit operierendes Unternehmen kann ich wohl erwarten, dass mein Shoppingevent nicht von solch menschlichen Zuckungen gestört wird.
lange genug gewartet – hier der Aufreger
Aber nun endlich zum Hauptpunkt und meiner Abrechnung mit der einzigen auf deutschem Boden ansässigen schwedischen Wohlfühloase.
IKEA Freiburg hatte geschätzt 18 Kassen. An jeder stand man immer – egal zu welcher Tages- und Nachtzeit – mindestens eine halbe Stunde. Das war ja auch durchaus kalkuliert, hat man doch in der Schlange wartend sein Auge hierhin und bald dorthin schweifen lassen und so noch den ein oder anderen Impulskauf getätigt.
Kleiner Exkurs: Impulskauf
Beim Impulskauf kauft Ihr etwas, was nicht auf dem Einkaufszettel steht. Was man sowieso einkaufen wollte, erbringt den kalkulierten Deckungsbeitrag des Unternehmens. Ihr macht den von den Volks- und Betriebswirtschaftlern prognostizierten Umsatz. Aber diese Ferrero-Küsschen an der Kasse lächeln Euch so verlockend an, dass Ihr nicht widerstehen könnt. Das ist die reine Rendite. Hierfür war zwar der Aufwand der „impulskauffördernden“ Präsentation von Nöten, aber sonst nichts weiter. Keine Maßnahme musste ergriffen werden, Euch von der Notwendigkeit des Kaufs dieses Produktes zu überzeugen. Diese Arbeit übernehmen ja meist die quengelnden Kinder, weshalb dieser Teil der Kundschaft – gerade samstags – von den Einzelhändlern so umschwärmt wird. Die bekommen Papa weich – viel leichter und vor allem billiger als jede Werbemaßnahme. Exkurs Ende.
Aber das ist nun zu Ende.
Ihr könnt entweder an Expresskassen den Kaufvorgang selbst abschließen oder an einer einzigen verbliebenen Kasse mit menschlichem Personal ausschließlich und nur noch bar bezahlen. Und diese Kasse soll, so der darauf angesprochene Mitarbeiter, möglichst bald auch noch geschlossen werden.
Kommen wir zunächst zum Grundsätzlichen:
Ein auf deutschem Boden agierendes Unternehmen hat alle auf diesem Territorium gültigen Währungen und Zahlungsmittel zu akzeptieren. Das findet ja zu dieser Minute (mit der einzigen noch übrig gebliebenen Barkasse) auch noch statt. Aber nicht mehr lange. Wer ein auf diesem Territorium gültiges Zahlungsmittel nicht akzeptiert, muss verklagt werden.
Zweitens – die Kundenkommunikation
Diese Veränderung – ich habe wie üblich nichts recherchiert (wozu auch – ändert ja eh nichts) – muss ganz neu sein. Noch im Mai konnte ich Dinge kaufen, von einer leibhaftigen Kassiererin bedient, und mit Karte bezahlen (eine jetzt nicht mehr mögliche Kombination).
Nun stehen ja an diesen Schnellkassen ein bis zwei Kontrolletties, die darauf achten, dass alles seinen „deutschen“ (?) korrekten Gang geht.
Diese – in diesem Fall Herren – sind meine einzigen Ansprechpartner im ganzen Shoppingevent. Die einzigen Vertreter des Unternehmens IKEA gegenüber seinem wertvollsten Gut: seinem Kunden.
Meine Frage: Meinen Herrn! Verstehe ich das richtig, dass ich nicht mehr von kassierendem Personal bedient werde? Ja das ist richtig. Dann war das mein letzter Besuch hier! Wir können doch nichts dafür. Wir haben doch die Bestimmungen nicht gemacht.
Das ist mir vollkommen wurscht. Niemand hat Euch gezwungen, bei diesem Unternehmen zu arbeiten. Und wenn der Geschäftsführer keine Eier in der Hose hat, sich an der Kasse dieser, wie Ihr vielleicht erst in Jahren bemerken werdet, extrem bedeutsamen Sache zu stellen und stattdessen duckmäuserische Würstchen zum Verheizen dahin stellt, dann ist mir das auch egal. Sollen die zwei Jungs ein schlechtes Wochenende haben und am Montag zu Ihrem Gruppenleiter rennen: Gruppenleiter, wir wurden (hoffentlich ständig) wegen unserer Kassensituation blöd angemacht.
In jedem Laden, wo es diese Schnellkassen gibt,
a) stelle ich mich grundsätzlich an eine normale Kasse, egal wie viel Zeit ich dort verliere und
b) polemisiere in der Warteschlange nonstop gegen diesen Blödsinn. Ich habe jedes Mal sofort Zustimmung und noch nie einen Kopfschütteln oder Scheibenwischer geerntet.
Was veranlasst IKEA zu diesem Schritt?
Dreierlei
1. Kostenersparnis
Was muss ich im IKEA nicht alles allein tun? Ich muss mir mit diesen zum Schreiben vollkommen untauglichen Bleistiften aufschreiben, aus welchem Lagerregal ich meine Ware zu entnehmen habe. Ihr braucht die Bleistifte bei IKEA nicht klauen. Die schreiben sowieso nicht. Dann hole ich die Ware selbst aus dem Regal. In keinem Unternehmen darf jemand im Lager arbeiten, der nicht zumindest Sicherheitsschuhe des Standards S4 trägt und eine mindestens mehrstündige Unterweisung durch einen Vertreter der Berufsgenossenschaft über sich hat ergehen lassen. Dann muss ich die Ware auch richtig auf dem Wagen positionieren (zumindest musste ich das früher), damit die Kassiererin beim wichtigsten Vorgang eines Einkaufs – nämlich dem Vertragsabschluss – möglichst zügig voran kommt. Selbst einladen ohne jede Hilfe und gefahrvoll nach Hause bringen – das versteht sich von selbst.
Mehr als hier kann mich niemand dazu auffordern, online einzukaufen. Ich hole mir auf dem Parkplatz keine Delle, auf dem Weg kein Ticket, im Lager keinen blauen Zeh, in der Schlange pisse ich mir nicht in die Hose… Und an der Kasse brauche ich mich auch nicht mehr aufregen.
2. Abschaffung des Bargeldes
Das Thema begleitet uns ja nun schon seit einiger Zeit. Ich dachte aber tatsächlich nicht, dass es einem auf Einnahmen einer anwesenden Kundschaft ausgerichteten Unternehmens egal ist, auf das Geld eines Teils der Kundschaft nun zu verzichten.
3. Anbiederung an den Zeitgeist
Es ist ja nicht so, dass die Schnellkassen altmodisch wären und man dort grundsätzlich jedes Produkt scannen muss. Das gibt es ja schon eine Weile – aber meist als skurile Randerscheinung. Nein, es geht jetzt noch weiter. Die Scannerei könnt Ihr in der IKEA-App auch schon während des Einkaufs tun und so an der Schnellkasse wirklich schnell den Kaufvorgang abschließen. Da kann sich IKEA auch noch den Service der Scanner sparen, da Ihr ja sowieso ein absolute neues Handy der >1.000-Euro-Liga habt. Die par Prozent Schwund durch Schwindler sind auf jeden Fall billiger als der bisher zu aufwändige Kassierprozess. Und da dort eigentlich sowieso nur links-grüne Gutmenschen unterwegs sind, läuft garantiert alles korrekt! Mal sehen, wie lange sie das Konzept durchhalten können.
Ich werde alt
Eigentlich fühle ich mich körperlich noch jung. Aber die Gegenreaktion meines Sohnes macht es doch deutlich: ich bin alt geworden und mache den neumodischen Blödsinn nicht mehr mit. Möbel Roller, witzigerweise unweit der IKEA-Filiale, wird sich freuen, mich als neuen Kunden begrüßen zu dürfen.
Na dann ist ja alles bestens.
Also: entweder, wie ich, künftig IKEA ignorieren oder wenn Zeit dafür ist, einen (nicht mehrere) 100er-Pack Teelichter kaufen (daran verdienen die sicher nichts Substanzielles) und möglichst lange eine der Kassiersysteme blockieren.
Foto von Adrien Delforge auf Unsplash

