Lasst uns über das Design sprechen

von Markus Brogle

Zunächst, ich habe davon keine Ahnung. Ich betrachte Dinge mit meinem ganz normalen Auge, nicht mit dem Auge eines ausgewiesenen Designers. Dieser sieht Dinge, die ich gar nicht erkennen kann, da er in jede Linie etwas hineininterpretiert oder damit eine Aussage treffen will, die mich als Betrachter im Unterbewusstsein finden und treffen soll.

Ich weiß, man bringt horizontale Linien an, um etwas gestreckter lassen und vertikale, um etwas gedrungener aussehen zu lassen.

Außerdem gilt der Satz: ‘fällt einem Designer nichts mehr, macht er einen Kreis‘. So gesehen waren die Designer dieser Rückleuchte wohl ein wenig einfallslos…

C6 ein Klassiker?

Wieso war schon bei Markteinführung des Citroën C6 klar, dass es ein Klassiker wird? Was macht sein Design aus? Warum polarisiert er so sehr?

Das ist eine vielschichtige Angelegeneheit, die ich aus meiner Sicht versuche zu analysieren. Hoffentlich komme ich dabei nicht so tief, dass er mir hinterher nicht mehr gefällt.

Da ist zunächst die Heritage, wie der Engländer so schön sagt. Das Anlehnen an das reiche Erbe der Marke. Dabei ist das Erbe, zumindest was die schiere Anzahl verschiedener Exponate angeht, gar nicht so reich. Anders als bei Mercedes beispielsweise reden wir nur von drei direkten Vorgängern.

DS

CX

XM

und aus der Seitenlinie noch einem Sportcoupé, den SM.

Allen gemein ist ein extrem langer vorderer und ein noch viel extremer kurzer hinterer Überhang. Die meisten Fronttriebler des lezten halben Jahrhunderts brauchen einen langen vorderen Überhang, da die Motoren meist noch vor der Vorderachse aufgehangen sind. Dies hat bei quer eingebauten Motoren wohl seine Notwendigkeit. Und so ist es auch beim C6.

Trotzdem ist auf dem Bild recht leicht zu erkennen, dass der Vorbau auch ohne Not 30cm kürzer gestaltet hätte werden können. Wir reden von Radnabe bis vorn immerhin von 110 cm. Das muss also auch gestalterische Hintergründe gehabt haben. Und dieser ist aus der Silhouette dann auch recht leicht zu erkennen. Streckung, Streckung & nochmals Streckung.

Mit zwei nicht unbedingt notwendigen horizontalen Linien wird dies dann auch noch betont. Erstens die Chromlinie sehr weit unten am Wagen (Zitat des DS – siehe oben) sowie die dezente Sicke beginnend am Ende des vorderen Hauptscheinwerfers, die hinten am Ende des Rades sanft ausläuft (Zitat XM). Die untere Fensterkante zählt nicht, die hat jedes Auto.

Die Front ist fast noch brutaler, da man eine vertikale Scheinwerferform gewählt hat, um die zwei markanten aus dem Doppelwinkel auslaufenden Chromlinen so breit wie möglich zu bekommen.

Auch die beiden dünneren Chromspangen im unteren Kühlereinlass haben zusammen mit den Nebelscheinwerfern wohl nur die Aufgabe, den Wagen breiter wirken zu lassen.

Und diese Wirkung wird auch nicht verfehlt. Ich parke immer absichtlich in Fluchtrichtung. Die Ansicht von vorn ist wirklich schwer beeindruckend.

Das Heck hat es aus designerischer Sicht nicht weniger faustdick hinter den Ohren – geht aber einen ganz anderen Weg. Den der Verschmälerung.

Unglaublich viele vertikale Linien, beginnend mit den Rückleuchten, der Unterteilung des Stoßfängers bis hin zu den kleinen Lampen neben dem Kennzeichen sorgen für eine optische Verschmälerung der Heckansicht. Ich finde das fast die Schokoladenseite – auch noch aus anderen Gründen (siehe nächster Punkt).

Irgendann muss man sich dann aber auch gesondert mit den Scheinwerfen beschäftigen, die bei den 6-Zylinder-Modellen sogar mitlenken. Und zwar so richtig. Nicht mit Einschalten des jeweiligen Nebelscheinwerfes, wie es jüngere Konzepte taten. Nein, sie lenken wirklich mit. Und das finde ich unter anderem auch so faszinierend an meinem Modell aus 2006. Es ist eine Zeit, in der Technik noch zeigen durfte, dass sie arbeitet. Man bekommt die Funktionen noch mit. Es ist nicht ein sich vollkommenes Zurückziehen in die Unauffälligkeit. Herrlich. Aber das nur am Rande.

Zum Design der Scheinwerfer. Diese beinhalten sowohl vorn als auch hinten zusätzliche Positionsleuchten, die in Eurpa eigneltich unüblich sind. Deren Gestaltung und Umsetzung zeigt (nicht nur hier) den Willen Citroëns, wirklich etwas Besonderes auf die Beine zu stellen.

Der Übergang der fließenden Seitenlinie in die wahrlich eigenwillig gestaltete Rückleuchte ist dann der Punkt, an dem sich spätestens die Geister scheiden.

Die aufsteigende Chromlinie, die Form des hinteren Seitenfensters sowie der Übergang in die Rückleuchte mit derem bumerangförmigen Auslaufen (was im Heck zu einer senkrechten Heckleuchte führt) hat wohl bei der Gestaltung mehrere Monate in Anspruch genommen. Als der Wagen herauskam, fand ich das hässlich. Mittlerweile ist es, wie schon erwähnt die Schokoladenseite für mich.

übertriebenes Zitat

Die Heckscheibe habe ich bisher ausgelassen. Da komme ich mit einem Beispiel aus meiner Branche. Unsere Kunden geben Unmengen an Geld aus, um ihre Musik, mit der sie in den 70ern vor billigsten Kassettenrekordern aufgewachsen sind, mit einer der damaligen mithalten könnenden Begeisterung hören zu können. Da sie jetzt aber, nach jahrelangem Studium von Fachzeitschriften, intellektuell begriffen zu haben scheinen, wie Musik richtig wiederzugeben ist, können sie es mit billigem Equipment einfach nicht mehr genießen. Da ist eine psychologische Sperre drin.

Und genauso verhält es sich mit der konkaven Heckscheibe des C6, die ein Zitat des CX ist. Aber eben nicht ein angedeutetes Zitat sondern ein um 10er-Potenzen übertriebenes.

Dass das ganze die aerodynaische Funktion einer regenfreien Heckscheibe hat, kann ich einerseits bestätigen, gebe aber andererseits auch zu, dass es schlicht rattenscharf aussieht und mir die Funktion eigentlich wurscht ist.

Citroëns Wille, etwas besonderes zu präsentieren

Man hatte sich kurz vor der angewiderten Abstreifung des Doppelwinkels und Neuausrichtung im Premiumsegment hin zur Marke DS noch getraut, das Markenemblem auffällig herzuzeigen. Selbst auf den seinerzeit ausgelieferten Roccastrada-Felgen ist das Logo markant präsent. Das wurde bereits beim Facelift mit den dann montierten Atlantique-Felgen aufgegeben. Schade.

Es ist klar der Wille zu spüren, eine Oberklasselimousine zu bringen, in der auch staatstragende Persönlichkeiten mit französischem Flair, elegantem aber auch mutigem Chic stilvoll vorfahren können. Vielleicht hat hier und dort noch die ein oder andere Konsequenz gefehlt. Aber an auffallend vielen Details ist der Wagen so anders, dass es einem Wunder gleich kommt, dass das Management die Produktion freigab.

Stolpersteine

Auf die Abdeckung der hinteren Räder, wie sie bei DS und CX üblich war, verzichtete Citroën ja schon beim XM und Versuche, diese von dritter Seite als Aftermarketlösung für den C6 anzubieten halte ich ehrlich gesagt ästhetisch für gescheitert.

vergebene Chancen

Die Designer haben viel Mut bewiesen. Definitiv. Und ganz klar sind sie für den Geschmack der frühen 2000er wohl auch übers Ziel hinausgeschossen. Das beweisen ja schon die Verkaufszahlen. Man hätte aber auch noch mehr machen können. Viel mehr. Vor allem im Innenraum. Der ist nämlich an Langeweile kaum zu überbeiten und hält auch einige wirkliche Katastrophen bereit. Bleiben wir aber noch kurz beim Exterieur. Die absolut genial angebrachten Blinker der DS oben an der auslaufenden Dachkante warten bis heute auf ein Zitat.

Ebenso hätte eine Zweifarbigkeit, wie sie nur einmal als Sondermodell gebaut worden ist – zumal mit einem geschmackvolleren Kontrast als nur schwarz und weiß – eine weitere noble Note bringen können. Da erinnere ich gern an die Sakko-Bretter bei Mercedes, deren farbliche Abstimmung bis auf wenige Ausnahmen wirklich toll waren.

Zum Interieur

Hier stelle ich die Designstudie, den Lignage aus 1999 dem C6 gegenüber. Mehr braucht man dazu nicht mehr sagen. Da hat die Mannschaft ganz eindeutig den Mut verlassen. Sehr, sehr schade. Natürlich ist der C6 auch im innern eine Wohlfühloase, aber da wäre mehr drin gewesen. Gerade das absolut hässliche Zentraldisplay, das wirklich in Absolutheit deplaziert wirkt als auch das vollkommen langweilige Lenkrad sind ein Anblick des Grauens.

Wenn sie einfach nur kommentarlos das Lenkrad des seinerzeitigen C4 verbaut hätten, wäre schon viel gewonnen gewesen.

Nachfolger des Designs

Jetzt kommt es ganz dicke und ich freue mich schon auf heftigsten Widersrpuch. Ich schaute mir neulich zwei Videos zum Mercedes EQS an. Eins von Alexander Bloch, ein anderes vom so heiß geliebten Carranger.

So schlimm es auch für den ein oder anderen sein mag. Schaut Euch eines der beiden Videos an, stellt die Augen leicht unscharf und ihr seht darin irgendwann den C6. Natürlich kann Mercedes die ganzen markenspezifischen Zitate von alten Citroën-Modellen nicht aufnehmen (wollen), aber ich fresse einen Besen, wenn die Designer nicht hinter vorgehaltener Hand zugeben, dass sie im Designprozess auch mal flüchtig ein Bild des C6 gesehen hatten.

Interessant ist ja vor allem, dass der Carranger den EQS abgrundtief hässlich findet und sogar im Video bereits Tipps gibt, wie man die schlimmsten Sünden recht leicht selbst beheben kann.  Andererseits war er seinerzeit vom C6 Testwagen so angetan, dass er sich im Nachhinein einen kaufte. So eng liegen Wohl und Wehe beieinander.

Fazit

Neue Lampentechnik, die Räder vielleicht auf 19-Zoll hochziehen, anständiges Interieur – aber bitte ohne vollflächige Bildschirme – und Du kannst den Wagen ansonsten unverändert genau so wieder auf den Pariser Autosalon stellen. Heute würde er vielleicht sogar verstanden werden.

Bilder eigen oder aus frei zugänglichen Quellen wie unsplash, pixabay und wikipedia

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