doppelte Rolle Rückwärts

oder der Untergang des Autos, wie wir es kannten

von Markus Brogle

Das ist alles nicht neu. Es hat nichts zu tun mit den aktuellen Vorgängen bei VW, Mercedes, Recaro oder anderen Branchengrößen. Das ist vieeeel älter.

Hier ein Foto von meinem Balkon heute Abend.

Mit zwei Ausnahmen ist kein Automobil jünger als acht Jahre. Der Smart läuft geschäftlich – der zählt nicht.

Oder fangen wir anders an. Ich hatte 2006 meinen letzten Neuwagen gekauft. Einen Renault Scénic 1,9dci für ca. 26.000 Euro.

Beispielbild

Den hatten wir 10 Jahre lang gefahren bis zum Kilometerstand 149.000. Dann kaufte ich einen gebrauchten Espace (meinen ersten Gebrauchten nach zig Jahren), der 4 Jahre alt war und 160.000 km auf der Uhr hatte.

Der Wagen rechts im Bild.

Die erste Rolle rückwärts. Ich gebe ein Auto ab, um ein anderes zu nehmen was (annähernd) dieselben Kilometer auf der Uhr hat.

Ok: Espace ist größer als Scénic und wir brauchten tatsächlich mehr Platz. Dass das eine Rolle rückwärts ist, war mir seinerzeit noch nicht bewusst.

Gemach

Den Wagen haben wir geliebt. Er war (bis auf 7 – in Worten sieben – Fensterheber) immer absolut unauffällig und zuverlässig. So zuverlässig, dass ich bei meinem Arbeitgeber darauf bestand, auch als Geschäftswagen einen Espace haben zu wollen (im Bild links). Wie sinnvoll es ist, einen gebrauchten Renault als Geschäftswagen fahren zu lassen, sei dahingestellt. Auch dieser fuhr in den letzten 6 Jahren 300.000 km absolut unauffällig. Einzige Auffälligkeit neben den 4 Windschutzscheiben, die er bislang verschlissen hatte, war, dass man auch nach 1.400 km an einem Tag absolut entspannt aussteigt.

Wir haben über die beiden Wagen mal ein Video gemacht.

Dann kommt mein Sohn ins Spiel. Irgendwie habe ich ihn mit einem Mercedes-Virus angesteckt. Ich träume ja schon seit Jahren von einem SL der Baureihe R129. Irgendwann werde ich einen solchen auch noch besitzen (das wäre dann die dritte Rolle rückwärts).

Also macht er den Führerschein und investiert sein erstes eigenverdientes Geld in den billigsten im Internet zu findenden Mercedes 200.

Was ‘ne coole Karre. Unglaublich. Das Ding kann richtig was. Man glaubt es erst, wenn man selbst damit gefahren ist. Mercedes ist einfach was anderes. Das spürst du aus jeder Pore.

Ich bin da leider ein wenig anders gestrickt und brauche immer das etwas Andere. Warum fahre ich Espace? Ich könnte auch VW Sharan oder Ford Galaxy fahrfen. Nein – es muss ein Espace sein. Jeder, der bei mir mitfährt, sagt, nach spätestens 10 Sekunden ‘das ist ja wie im ICE‘. Richtig – genau so. Nur schneller, zuverlässiger und pünktlicher.

Noch nie blieb er stehen. Noch nie. Ich werde ihn wieder über den TÜV schieben. Nach normaler Rechnung hat er dann beim übernächsten TÜV 440.000 km. Und wisst Ihr was – sollte bis dahin nicht was anderes passiert sein (politisch oder schicksalhaft) – kommt der sogar nochmal durch. Dann sind es 580.000 km. Der Motor wird niemals kalt. Keine Fahrt ist kürzer als 75 km. 100 von mir gefahrene Autobahnkilometer entsprechen der Belastung der handelsüblichen deutschen Hausfrauenfahrt von einem Kilometer. So gesehen hat er ja erst ca. 35.000 km auf der Uhr. Und genau so sieht er auch aus. Jahreswagenzustand.

Und dann schwebte seit Jahren was ganz, ganz anderes um meinen Kopf. Die letzten Berichte hatten es ja schon angeudeutet. Der C6 aus dem Hause CITROËN. Das ganz andere Auto.

Ist es überhaupt ein Auto? Ich weiß es nicht. Ich hatte auf Facebook zwei Mal mein Titelbild aktualisiert und werde seither auf nichts anderes mehr angesprochen. So viel Liebe kommt diesem Kunstwerk entgegen. Ich weiß von zwei Bekannten, die seither nach einem Exemplar fahnden.

zweite Rolle Rückwärts

Hier ein paar Zahlen:

Baujahr Scenic: 2006 / Kilometer bei Übernahme: 0 / Kilometer bei Abgabe: 149.000

Baujahr Espace: 2012 / Kilometer bei Übernahme: 160.000 / Kilometer bei Abgabe: 240.000

Baujahr C6: 2006 / Kilometer bei Übernahme 229.000

Mit ein, zwei Rundungsfehlern habe ich also jetzt zum zweiten Mal ein Auto gekauft, was (fast) so alt ist wie der Vorgänger (Espace wurde als Modell 2002 präsentiert) und hat ziemlich genau die Kilometerzahl seines direkten Vorgängers.

Als nächstes werde ich mir also einen 300D mit 400.000 km auf der Uhr kaufen müssen.

Bis hierhin ist das ja alles eine nette, privat zu erzählende Geschichte. Aber eben nur bis hierhin.

Wir müssen jetzt aber den Blick mal etwas weiten.

Ich werde für die deutsche Automobilindustrie niemals mehr aktiv werden. Neuwagen sind für mich tabu. Und eine gewisse Frankophilie ist ja auch zu erkennen.

Und die nächste Generation: die handelt gleich zu Beginn vollkommen konsequent und kauft gleich als ersten Wagen ein Auto, dessen Wertschöpfung knapp 40 Jahre zurückliegt.

Sind wir nun schlechte Staatsbürger? Übernehmen wir zu wenig Verantwortung? Sollten wir unser Geld nicht viel lieber in Kassen lenken, die Arbeitsplätze sichern?

Womöglich würden wir das gern tun, aber es ist nicht möglich. Mit einem Gehalt, das mit eigener Hände Arbeit erwirtschaftet wird, ist es schlicht nicht mehr möglich, einen Neuwagen zu kaufen. Das können vielleicht noch Beamte und Unternehmer. Treusorgende Familienväter jedenfalls nicht mehr.

Und außerdem will ich das auch nicht, selbst wenn ich mir das leisten könnte. Die vollkommen überbordende Elektronik, die geplante Obsoleszenz (willentliches Kaputtgehen nach überschaubarem Nutzungszeitraum) und die gänzlich unausgegorenen Konzepte seit ca. 10 Jahren schrecken offensichtlich nicht nur mich komplett ab.

Siehe Eingangsbild vom Balkon gerade eben: ich bin wohl nicht ganz alleine mit meiner Ansicht. Als würden die alten Autos auf den Bäumen wachsen, sieht man immer mehr alte Mercedes, Golf II und andere Altertümlichkeiten im täglichen Straßenverkehr. Schon komisch.

Ist das der Abgesang auf die deutsche Automobilindustire?

Ja ist es. Keine Kraft der Welt wird nochmals etablieren können, dass wieder Autos gebaut werden wie – sagen wir – bis Baujahr 2010.

‘Ja aber Dein Verhalten ist doch unverantwortlich‘. Nee, Freunde: nicht mein Verhalten! Ich muss für meinen kleinen Sprengel betriebswirtschaftlich denken. Für die Volkswirtschaft sind andere verantwortlich.

Dass das Unterhalten eines 18 Jahre alten CITROËN C6 betriebswirtschaftlich als mittlere Katastrophe zu bezeichnen ist – diesen Vorwurf nehmen ich an. Aber nach spätestens 1 km in diesem Wunderwerk des Ingenieurtums sind dir die Unterhaltskosten scheißegal.

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