In diesem Bericht soll es ganz unpolitisch über zwei der für mich besten Automobile der Zeitgeschichte gehen.
Wie offiziell festgestellt wurde, war die S-Klasse der Baureihe W140 von Mercedes Benz das beste Auto der Welt. Das ist es wahrscheinlich noch heute.

Nur in Deutschland ob seines panzerhaften Wirkens gescholten, liebten den Wagen vor allem die Amerikaner und später die Russen überaus, was dafür gesorgt hat, dass das Gebrauchtangebot hierzulande mittlerweile recht dünn geworden ist. Noch ist er einigermaßen günstig zu haben, aber alleine der Preis für den Innenraumluftfilter von weit über 1.000 Euro schreckt jeden Normalsterblichen ab, sich sowas in die Garage zu stellen.
Was ist das überhaupt, das beste Auto?
Die Ansprüche sind ja recht individuell. Der eine mag es eher gern sportlich, der andere komfortabel. Jener braucht viel Platz, dieser vor allem Status. Somit ist diese Betrachtung also rein subjektiv und individuell aus meiner ganz persönlichen Sicht geschrieben.
Ich bin Familienvater und Oberhaupt einer 5-köpfigen Familie, die sich jetzt, da zwei Drittel der Kinder bereits erwachsen sind, so langsam auflöst. Dieses Jahr haben wir nochmal einen gemeinsamen Camping-Urlaub unternommen – (gar nicht so) wilde Abenteuer inklusive. Wegen mir können wir das auch noch die nächsten Jahre so halten, aber das habe ich nicht zu entscheiden.
Aber zurück zum Auto.
Was braucht man als 5 köpfige Familie für den Campingurlaub: viel Raum. Auf französisch: Espace. Und da haben die Franzosen von Renault wirklich vorgelegt.

Natürlich ist ein VW-Bus größer – aber sind wir mal ehrlich, das ist ein Kutschbock und kein Auto. Außerdem viel, viel zu teuer. Selbst völlig abgeranzte Exemplare mit 200.000 Kilometern auf der Uhr rufen noch über 20.000 Euro auf. Nicht meine Liga.
Der Espace hingegen ist ein richtiger PKW – kein Nutzfahrzeug. Mit ihm fahre ich an einem Tag Berlin und zurück (1.360 km) und steige vollkommen entspannt aus. Trotzdem kann man wahlweise 7 Leute oder 4 Kubikmeter Material transportieren. Die Zuladung ist je nach Bestuhlung mit bis zu 800 kg extrem gut. Und gerade im voll beladenen Zustand, wenn der Wagen schon ein wenig in den Federn liegt, fährt er sich am Angenehmsten.
In Summe aller Dinge sind die Vans (Galaxy, Sharan, Alhambra, Ulysse, C8, 806, Zeta, Evasion) die für mich beste Autogattung, die es gibt – nein gab. Die Gattung ist nämlich komplett vom Markt verschwunden. Den Renault Espace gibt es zwar weiterhin (mittlerweile in der sechsten Generation) aber nur bis zu vierten (JK) war es ein Van. Danach schrumpfte das Platzangebot so bedeutsam, dass diese Wagen für mich nicht mehr interessant sind. Der eigentliche Espace hat somit keinen Nachfolger, was den JK (die vierte Generation) so einzigartig macht. Das betrachten wir am Ende nochmals separat.
Diese Wagen kann man ohne Angst auch mit 200.000 km auf der Uhr kaufen. Die Verarbeitung ist für französische Verhältnisse sehr gut und mit ein wenig Aufwand bekommt man auch jegliches Geklapper restlos weg. Glücklicherweise sind diese Autos schon so alt, dass sie nur EURO 5 sind, man diese unsägliche blaue Zeugs nicht auch noch ständig nachkippen muss. Ich habe in meiner bisherigen Zeit schon drei Modelle fahren dürfen und besitze selbst zwei.

Im Grunde bin ich die letzten 15 Jahre ausschließlich Espace gefahren. Das lässt einen natürlich mit dem Fahrzeug auf jene Art verwachsen, dass das Autofahren zur Kunstform erhoben werden kann. Das Lenkrad und die manuelle Gasse der Automatikschaltung werden mit der Zeit eine Verlängerung des eigenen Seins und man dirigiert sich und das Gefährt wie von Geisterhand. Es ist kein aktives Fahren, kein Tun – nur ein unglaublich entspanntes Geschehen. Gleichzeitig ist er zu beachtlichen Kurvengeschwindigkeiten fähig und die Gewichtsverteilung vorn/hinten erlaubt ein nahezu neutrales Fahrverhalten. Untersteuern gibt es fast kaum.
Schnitt
Das krasse Gegenteil ist ein anderer französischer Wagen aus dem Hause Citroën – der C6.

Ein vollkommen lösgelöstes Stück Kunst. Der Engländer kann es viel schöner sagen: a piece of art. Mit Auto hat der C6 wenig zu tun. Man ist fast schon überrascht, dass man unter der nicht enden wollenden Fronthaube so etwas profanes wie einen Verbrennungsmotor vorfindet, der – noch profaner – mit Öl und Diesel bestückt werden will. Er wäre im Grunde die perfekte Plattform für einen geräuschlosen Antrieb. Das wäre die Vollendung.
Aber dafür war er, wie viele Wagen von Citroën, 20 Jahre zu früh dran. Oder war er nicht viel mehr zu spät dran?

Die Studie C6 Lignage, aus der er nahezu 1:1 hervorging, wurde bereits 1999 vorgestellt. Also noch in der Bauzeit des Vorgängers XM. Der geneigte Citroën-Fan (von denen es unglaublich viele da draußen gibt) konnte sich also auf eine nahtlose Fortführung der Oberklassetradition des Hauses freuen. Pustekuchen. Nach ellenlangen 6 Jahren – und 5 Jahren Pause nach der Einstellung des XM im Jahr 2000 – wurde der C6 als Serienmodell erst 2005 in Genf präsentiert.
Ist es überhaupt ein Citroën?
Niemand will es hören, aber alle wissen es. Citroën ist schon seit 1975 kein selbstständig operierendes Unternehmen mehr. Alle Wagen aus der Zeit nach 1975 wurden mehr und mehr mit Teilen aus der PSA-Gruppe zu konformistischen Autos gemacht. Die für Citroën so prägenden Innovationen und (für Außenstehende) Schrulligkeiten durften sich nur noch vereinzelt zeigen. Aus dieser Zeit bleiben noch die CX-, XM- und BX-Modelle im Gedächtnis haften. Wer den Xantia noch dazuzählen will, soll es tun – ich sehe ihn nicht mehr in dieser Reihe. Alles andere sind Portfoliofüller, um in jedem Segment etwas anbieten zu können – aber eben keine echten Citroën mehr. Die Gestze des Marktes sind nun mal zu hart, um ein Unternehmen mit völlig abseitigen Konstruktionen bestehen zu lassen.
So muss man leider auch beim von mir so geliebten C6 feststellen, dass er außer dem Design, den Innenraumfeatures und der hydropneutmatischen Federung im Grunde ein Peugeot ist. Aber die drei genannten Punkte stechen so weit aus der Masse heraus, dass er ganz sicher zum Klassiker wird – wenn er es nicht bereits ist.
Aufkommender Klassiker?
Interessant ist die Welle an Aufmerksamkeit für den C6 in den sozialen Medien, die vor ca. 3 Jahren losschwappte und so langsam wieder abebbt. Schön dabei ist, dass die meisten der Influenzer das Konzept nicht verstehen und das Auto daher überwiegend schlecht reden. Gut für den Klassikerkäufer. Er findet wirklich brauchbare Modelle schon ab ca. 3.500 Euro. Diese brauchen dann natürlich noch ein wenig (auch finanzielle) Zuwendung. Aber das braucht ein Exemplar für 6.000 genauso – also kann man auch den Günstigeren nehmen. In diesem Moment stehen 60 Angebote auf mobile.de von denen vielleicht 10 als unbrauchbar durchgehen. Den Rest kann man retten.
In den meisten Betrachtungen des C6 wird ca. 40% der Zeit damit verbracht, die Designanleihen des C6 in Bezug auf DS und CX stundenlang durchzukauen. Dass es diese gibt ist natürlich unzweiflhaft. Aber warum tut man das nicht bei der Betrachtung eines Modells von Mercedes? Kühlergrill, lange Motorhaube, alle 20 cm einen Stern. Ich warte noch darauf, dass so ein Neunmalkluger die Verwendung von 4 Rädern als eine Anleihe des Citroën Typ A 10 hp von 1919 preist.
Nein – mich begeistert das Design auch ohne die ganze Heritage. Das finde ich ganz wichtig. Wenn mir etwas nur gefällt, wenn man es mir stundenlang erklären muss, taugt es nichts. Und dass es genügend Leute da draußen gibt, die ihn hässlich finden, beweisen schon die niedrigen Zulassungszahlen. Gut so. Gutes Design muss polarisieren.
Ich bin allerdings auch vorbelastet. Mein Vater war und ist schon immer ein Citroën-Fan. Gelegntliches Fremdgehen bei Opel oder Toyota führte doch immer zurück auf den eingeschlagenen Pfad. Allerdings verbrachte ich meine Kindertage auf den Rücksitzen der eher schrecklichen Modelle BX und Xantia. Dafür gibt es auch heute noch beinharte Fans – die will ich nicht beleidigen – aber für mich sind beides keine Kunstwerke. Der Vorgänger des BX – der GS – hingegen absolut.
Seit nun 28 Jahren bin ich persönlich durchgängig ein Renault-Fanboy. Der Twingo, der Mègane von 2002, der Aventime und nicht zulezt der Espace 4 sind für mich absolute Kultobjekte. Technisch sicher genau die 10% ausgereifter als Citroën, waren meine mittlerweile 7 Renault immer zuverlässige Dauerläufer, die vollkommen unauffällig ihren Job machen. Ich habe für einen Renault noch nie den ADAC rufen müssen. Dabei ist alles so herrlich „unpremium“. Keine aufgesetzten Chromspängchen, keine Holzintarsien. Man versucht nicht, den Innenraum gemütlicher als das eigene Wohnzimmer zu machen.
Ich frage mich heute bei so machem deutschen Premiumhersteller, ob die eigentliche Hauptaufgabe eines Autos ob der ganzen Funktionen, Duftpatronen, und irgendwann vergoldeten Instrumententafeln nicht aus dem Auge verloren wurde. Aber das nur am Rande.
Staatskarosse
Der C6 sitzt da ein wenig zwischen den Stühlen. Man muss sich aus heutiger Sicht fast schon wundern, dass den französischen Staatsherren Chirac, Sarkozy, Hollande und Macron, die alle schon in einem C6 gesichtet wurden, nichts besseres hingestellt werden konnte.

Auch die gleichzeitig angebotenen französischen Oberklassewagen Renault VelSatis und der Peugeot 605/607 ragen nicht weiter vor. Das Außenmaß ist irgendwo zwischen E- und S-Klasse. Das Motorenangebot noch weit darunter. Der Preis aber auf Augenhöhe. Man konnte locker 60.000 Euro investieren, was seinerzeit deutlich oberhalb vergleichbar ausgestatteter und motorisierter E-Klassen, 5er BMWs und Audi A6 angesiedelt war.
Unerreicht bleibt bis heute der Fahrkomfort, dessen Konzept nur noch von Rolls Royce verwendet wird – die Hydropneumatik.

Zur Technik nur soviel: es gibt 16 verschiedenen Dämpferabstimmungen. Diese werden 400 mal pro Sekunde automatisch angepasst. Bei 100 km/h also knapp 8 mal pro Radumdrehung! Man hat somit nicht eine Fahrwerksabstimmung sondern 16. Und diese werden automatisch angepasst – nicht wie bei modernen Mercedes 4 Abstimmungen, die man manuell vorwählen muss. Noch Fragen?
Und das Design mit seinen ellenlangen Linien und gekonnten Spannungsbögen steht sowieso komplett allein.

Für mich gab und gibt es kaum ein vollendeteres Auto. Punkt.
So haben wir also eine Designstudie mit einem Rolls Royce Fahrwerk (Entschuldigung – wenn dann hat Rolls Royce ein Citroën-Fahrwerk) einem Platzangebot einer S-Klasse und Motorisierungen kleiner C-Klassen. Und das zum Preis einer vollausgestatteten E-Klasse. Machen wir es kurz, Citroën hat ganz offensichtlich kein Interesse an der Vermarkutung dieses Wagens gehabt. Und das haben die Kunden genauso gesehen. 23.384 Exemplare liefen in 7 Jahren vom Band – die Halbtagesproduktion des VW Golf.
Investieren?
Und nun komme ich zum eigentlichen Punkt, weshalb ich in die Tasten gegriffen habe. Sowohl der Espace 4 als auch der C6 sind momentan Youngtimer, die aus dem Interesse heraus sind. Die Preise sind am Boden. Wie oft hat man sich schon darüber geärgert, dass ein Mercedes-Modell, das man interessant findet, just 5 Jahre vor der Erweckung des eigenen Interesses den Tiefpunkt hinter sich gelassen hat und die Preise ins Uferlose steigen – ein Investment daher sinnlos erscheint. Bei den hier betrachteten Modellen ist der Zeitpunkt des Zugreifens aber jetzt. Und da es Nebenkriegsschauplätze auf dem Automobilmarkt sind, wird dieser Zustand auch noch ein paar Jahre anhalten.
Wieso halte ich diese beiden für kommende Klassiker? Sie erfüllen wichtige Kriterien dafür. Das wichtigste: sie haben beide keinen direkten Nachfolger – sind somit die letzten Ihrer Art.
Der Espace 5 ist ein Crossover, weder Van noch SUV. Es ist wie mit den Trollibussen, die man in manchen schweizer Städten noch sieht. Sie verbinden – anders wie angepriesen – nicht die Vorteile, sondern die Nachteile der Konzepte Straßenbahn und Bus. Und der Espace 6 ist schlicht ein Witz. Wer sowas käuflich erwirbt, dem ist nicht mehr zu helfen. Da braucht sich auch die Familie nicht mehr drum zu kümmern – manche müssen einfach zurückgelassen werden.
Einen großen Citroën wird es nie mehr geben.
Wie clever es war, mit der Nobelmarke DS das Erbe von Citroën geradezu angewidert abzustreifen, wissen wahrscheinlich nur die Krawattenherren auf Ihren teuren Stühlen. Dass sich Citroën für die Würde der Marke mit vielen Modellen keinen Gefallen getan hat (AX, Xsara Picasso, Cactus, Berlingo und viele andere) kann ein Beweggrund dafür gewesen sein.
Gerade läuft die Planung, wie ein C6 zu mir finden kann. Freut Euch mit mir!
Bilder:
MB
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Vitali Adutskevich auf Unsplash

Eine Antwort zu “Große französische Wagen”
Hey Brö Du alte Säge,
lustig von Dir zu lesen – schön geschrieben! Hoffe es geht Dir und Familie gut. Viele Grüße
Uli Pohl