von Markus Brogle
Was ist Ihre Sonntagsfrage?
Ich hätte da ein paar Vorschläge.
- Schweine- oder Rinderbraten?
- Lieber ein Rotwein aus dem Médoc oder diesmal einen exotischen Australier?
- Wie können wir Verwandtschaftsbesuch verhindern?
- Spazieren gehen oder doch Musik hören?
- Was hast Du von der Predigt unseres Hochwürden mitgenommen?
Nein, Ihr merkt das funktioniert nicht. Der Begriff ist besetzt. Wie so viele Begriffe und Symbole. Aber die Sonntagsfrage – oder vielmehr die Antwort der befragten Umfrageteilnehmer darauf – macht den politischen Akteuren momentan keine Freude.
Liegt nicht an Habeck.
Und auch nicht an Scholz, an Lindner auch nicht. Vielleicht an der Art ihrer „Zusammen“-arbeit. Das schon. Siehe weiter unten. Auch ein Merz braucht nicht stolz auf sich zu sein. Sein neuerlich vorgenommener Wechsel auf dem CDU-Generalsekretärsposten in Richtung Recht und Ordnung wird das allein nicht aufhalten. Und es liegt allem voran auch nicht an den Akteuren der AfD. Mir ist in der jüngeren Vergangenheit – also sagen wir seit die Sonntagsfrage spannender wird – von den Vorderen der Partei nichts untergekommen, was diesen Höhenflug begründen würde. Alice Weidel ist wie sie ist, und Chrupalla ist und bleibt so farblos wie er ist. Das ist es also auch nicht.
Mit Ansage.
Trotzdem ist keiner so recht verwundert, dass die AfD mittlerweile (Umfrage von gestern) 4% vor der altehrwürdigen SPD liegt – bundesweit. Denn irgendwann kommt auch dem progressivsten der Gedanke des gesunden Menschenverstandes in den Sinn. Über Gender, Homowahn, Masturbationsunterricht in der Grundschule und den Effekt eines Wienerwürstchens auf das Klima zu diskutieren und in Gesetzesform zu gießen macht halt nur so lange Spaß, wie man keine anderen, echten Sorgen hat. Mittlerweile hat fast jeder seine Stromabrechnung bekommen und hatte vor, seinen Sommerurlaub zu planen. Aber mit Tasche leer gibt’s keinen Urlaub. Gut, da gibt es noch die, die den Urlaub mit einem Kredit finanzieren. Aber über solch lächerliche Gestalten braucht man sich keine Gedanken zu machen. Es gibt sie einfach. Die, die man zurücklassen muss.
Wir leben inmitten einer hohen Inflation und zahlen im Schnitt 52% des Einkommens an den Staat. Der Tag im Jahr, ab dem man für sich und nicht den Staat arbeitet, hatten wir erst jüngst am 9. Juli „gefeiert“.
Da sich keine der etablierten Parteien zur Aussage durchringen kann, dass da irgendetwas am ganzen Konstrukt nicht stimmt, ist der momentane Höhenflug der AfD also einer mit Ansage.
Der gesunde Menschenverstand und die Demokratie.
Wir leben in einer Demokratie. Ich formuliere die nächsten Sätze durchaus mit bedacht. Wer trotzdem einen Lach- (oder wahlweise Wein-) -krampf bekommt, sollte seine Kompatibilität mit der Demokratie überprüfen lassen. Wie weiland der neugewählte Landrat Sesselmann.
In der Demokratie geht alle Macht vom Volke aus. Zur praktischen Durchführung überträgt der Bürger (nicht der Mensch – der Bürger) diese demokratische (scheinbare) Ursprungsmacht an eine andere Person und ordnet diese zum Politikmachen ab. Da dieser Abgeordnete von nicht nur einem Bürger, sondern gleich von mehreren zu diesem Tun abkommandiert wird, sind diese Bürger auch irgendwie für sein Auskommen verantwortlich, berauben sie ihn doch von der Möglichkeit sein Auskommen selbst zu erwirtschaften. Damit dieser Abgeordnete auch wirklich nur dem Willen seiner Abordner dient, muss diese Ausstattung wenigstes so groß sein, dass nicht die Interessen Dritter, die ihm zu derer Durchsetzung vielleicht auch etwas „anbieten“, zu einfach Vorrang bekommen. Und damit dieser Abgeordnete bei dieser so wahnsinnig anstrengenden und tatsächlich verantwortlichen Aufgabe nicht ständig seinen Abordner um Rat fragen muss, wählt man eine Person aus, die sich bisher als absolut integer bewiesen hat und von einer durchaus stattlichen Intelligenz gesegnet ist. Die Person sollte auch schon ein wenig Lebenserfahrung mitbringen, um nicht bei der ersten, scheinbar faszinierenden, Sache gleich alle bisherigen Überzeugungen über Bord zu werfen.
Ihr merkt, das kann nicht gut gehen. Und es geht auch nicht gut. Überhaupt nicht gut.
Und da ist noch was. Nach der scheinbaren Überwindung der Ständegesellschaft wollte man unbedingt die Gleichheit eines jeden Individuums sicherstellen. Das lässt sich auch super einfach argumentieren. Dagegen zu reden ist jedenfalls, ob sinnvoll oder nicht, wesentlich anstrengender. Ich bin Vater von drei Kindern. Altmodisch, wie ich bin, habe ich auch eine Ehefrau. Mittlerweile ist der Große erwachsen. Wir haben also für unseren 5-Personen-Haushalt ein Stimmengewicht von 3, bis vor einem Jahr von 2. Und nein, ich halte grundsätzlich nichts von der Herabsetzung des Wahlalters. Vielmehr würde ich eine Heraufsetzung auf 21 Jahre befürworten. In Österreich gab es diesbezüglich mal eine Untersuchung. Quelle finde ich gerade nicht. Als man dort auf irgendeiner Ebene auch über die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre diskutierte war dies ein Hauptargument: ein 16- und ein 18-Jähriger unterscheiden sich nur marginal in ihrer physischen und kognitiven Entwicklung. Daraus kann man nur den einen Schluss zu ziehen: das Wahlrecht zu senken wertet ja nicht den 16-Jährigen auf sondern bescheinigt dem 18-Jährigen vielmehr seine Unreife.
Ich schweife ab.
Wir waren bei der grundsätzlich gleichen Stimmengewichtung eines jeden Wählers, unabhängig davon, was er im Hintergrund repräsentiert. Jeder Aktionär weiß, dass eine Aktie ein Stimmrecht ist. Wer also mehr Verantwortung übernimmt (2 oder mehr Aktien besitzt), hat auf der Hauptversammlung auch mehr zu sagen.
Nicht nur an dieser Frage, aber hauptsächlich hier, würde ich einen Demokratiecheck vielleicht nicht bestehen. Denn wo es gegen den gesunden Menschenverstand geht, ziehe ich mich entweder zurück oder werde laut.
Und so langsam dämmert es immer mehr Bürgern (nicht Menschen – Bürgern), dass selbst auf diesem Demokratieniveau, auf das wir uns die letzten Dekaden irgendwie einigen konnten, keine Mehrheit an Vernunft zu Stande kommt.
Lange Jahre, das wusste schon Schröder, war der Deutsche mit Bild, Bams & Glotze zufrieden. Mit der Bild kann man ja hin und wieder sogar zufrieden sein. Aber die Ablenkungsmechanismen der Politik, die den Bürger ruhig und zufrieden halten sollen, funktionieren nicht mehr.
Und dann formiert sich eine Partei, die das Demokratiekorsett akzeptiert. Aber dem gesunden Menschenverstand eine Stimme sein will. Das Aber diskutieren wir gleich. So nehme ich an, Forscher können das ja mal gern überprüfen, dass die 22% von gestern nicht nur Abkömmlinge und Flüchtlinge anderer Parteien sind, sondern sich vielleicht erstmals wieder Bürger (nicht Menschen – Bürger) an die Wahlurnen trauen werden, die die Hoffnung bereits aufgegeben hatten. Denen ist es auch kein Dorn im Auge, dass die AfD und deren Freunde in wechselnden Intensitäten vom Verfassungsschutz ins Visier genommen wurden und werden. Wissen sie doch mittlerweile, und Haldenwang hat es ja neulich im ZDF sogar gesagt, dass es zwar nicht das Hauptziel (aber halt doch ein Ziel) des Verfassungsschutzes ist, die AfD zu schwächen.
Nun zum ABER:
Wie weiter oben schon festgestellt scheint es einen Zielkonflikt zwischen dem gesunden Menschenverstand und der Demokratie unserer Form zu geben. Man stelle sich vor, die AfD käme in Regierungsverantwortung. Das wird ein heilloses Chaos, sowohl personell als auch inhaltlich. Denn einen innerlichen Widerspruch kann man als aufrecht gehender Mensch kaum durchhalten. Andere können das – schon klar…
Wir haben sie da, wo sie hingehören – in der Reaktion.
Trotzdem offenbart sich nun an immer mehr Stellen die Planlosigkeit der bisherigen Akteure. Sie werden nämlich immer mehr zu Reakteuren. Das Sieb bekommt immer mehr Löcher. Sie werden es auf lange Frist nicht schaffen, mit wie vielen Händen auch immer, die Löcher zuzuhalten. Und um im Bild zu bleiben zitiere ich Julia Neigel aus einer ihrer wunderbaren Sendungen im Kontrafkunk: die Wahrheit ist wie Wasser. Irgendwann dringt sie erst durch kleine Ritzen und bahnt sich dann ihren Weg.

